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Ja Ja und Nein Nein oder das Verhältnis von Dialektik und Logik

Samstag, 6. Oktober 2007 | Autor: Bernd

In seiner berühmten Bergpredigt belehrt Jesus von Nazareth seine Jünger (nicht, wie oft behauptet, alle Menschen) in einer Art “Propagandistenschulung” unter anderem zum Thema “Schwören”:

“Eure Rede aber sei: Ja, ja; nein, nein. Was darüber ist, das ist vom Übel.” Matthäus 5,37

Widerspricht das eigentlich einer Dialektik, nach der die Identität der Gegensätze (Kampf und Einheit) eine eher alltägliche, normale und die Unterscheidung der Gegensätze eher der Sonderfall sind?

Eine Definition der “Metaphysik” ist die Darstellung als undialektische, eben nach Kategorien unterschiedene, festgelegte Ja, Ja; Nein, Nein Philosophie.

So geht die formale Logik und die euklidische Geometrie vom Grundsatz der Widerspruchsfreiheit aus, wie sie bei Aristoteles ausgedrückt wird:

„Doch das sicherste Prinzip von allen ist das, bei dem eine Täuschung unmöglich ist [...] Welches das aber ist, wollen wir nun angeben: Denn es ist unmöglich, dass dasselbe demselben in derselben Beziehung zugleich zukomme und nicht zukomme. [...] Doch wir haben eben angenommen, es sei unmöglich, dass etwas zugleich sei und nicht sei.“Aristoteles: Metaphysik 1005b

 

Jesus’ Aufforderung ist mit dieser Vorstellungswelt verbunden. Wir sollten jedoch nicht vergessen, dass es sich hier um eine Annahme handelt. Diese Annahme wird aus pragmatischen Gründen axiomatisch ins Denken eingeführt und als moralischer Grundsatz genutzt.

In der Wirklichkeit ist Ja und Nein immer miteinander verbunden, untrennbar. Ein Gegenstand, der sich bewegt, kann in seiner Bewegung nur beschrieben werden als gleichzeitig an einem Ort und nicht an diesem Ort seiend. Alle anderen Annahmen führen zu unauflösbaren Widersprüchlichkeiten, wie Zenon von Elea in seinen Aporien zeigte.

Der Witz ist hier die pragmatische Empfehlung, einen Standpunkt in einer fliessenden, sich bewegenden Welt einzunehmen. Ein Standpunkt um eines Standpunktes willen ist allerdings sinnlos. Es bedarf eines Zwecks, einer Nutzensabwägung. Dies ist der pragmatische Aspekt.

Dieser pragmatische Aspekt, den Jesus seinen Jüngern nahelegen will beschreibt den Sonderfall, bei dem Widerspruchsfreiheit zu ethisch gutem Handeln führen kann, was auch immer “gut” bedeuten mag. Ähnlichkeit besteht hier zu dem Sonderfall der Newtonschen Mechanik, die ja hinreichend für den praktischen Alltag der meisten Menschen gilt, auch wenn ihre Genauigkeit bei höheren Geschwindigkeiten oder in der Nähe des planckschen Wirkungsquantums, also für die Atomphysik oder für Weltraumflüge pragmatisch nicht mehr ausreichend ist und deshalb durch eine andere Mechanik, hier die Quantenmechanik, erweitert wird.

Wichtig ist, zu begreifen, dass hier nicht die Ungültigkeit der Newtonschen oder Euklidschen oder Marxschen Thesen nachgewiesen wird, sondern nur die pragmatischen Grenzen ihrer Gültigkeit, i.e. hinreichenden Nutzbarkeit gezeigt werden.

Deswegen ist die Widerlegung der Religion durch die Philosophie, die Widerlegung des Idealismus durch den dialektischen Materialismus, des dialektischen Materialismus durch moderne Phänomenologie oder Sprachtheorie jeweils immer auch eine Aufhebung, ein Hinweisen auf wenn auch begrenzte Gültigkeit der jeweiligen Theorien. Dieses Aufheben ist eine Kernthese der Dialektik, wie sie durch Hegel und Marx in das moderne Denken hineingebracht wurde.

Wir finden hier die Gründe dafür, dass wirklich philosophisch denkende Menschen überhaupt nicht an Feinden sondern überaus an Gegnern interessiert sind. Gegner sind Menschen, die, wenn wir uns mit ihnen oder ihren Auffassungen auseinandersetzen, uns bereichern. Gegner sind notwendige Gegenparts, sind die besten Freunde der Philosophen.

Wehe den Philosophen, die keine Gegner kennen , sie kennen sich selbst nicht!

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Zenon und das Wissen

Sonntag, 28. Januar 2007 | Autor: Bernd

Zenon von Elea wurde von einem Schüler gefragt: Meister, du weißt so viel und hast so viele Fragen, ich weiß so viel weniger und mir scheint alles klar, wie kann das sein? Zenon malte mit seinem Stab einen kleinen Kreis in den Sand und sprach: Sieh, dieser Sand ist das mögliche Wissen, und dieser kleine Kreis ist das, was du weißt. Daraufhin malte er einen größeren Kreis: Das ist das, was ich weiß – nun schau, die Peripherie dieses größeren Kreises, die Grenze zum noch nicht Gewussten ist bei mir viel größer als bei dir. Es ist doch ganz klar, dass ich, der Philosoph, mehr Fragen haben muss als du.

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