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Wahn ist Wirklichkeit

Freitag, 26. Februar 2010 | Autor: Bernd

Wirklichkeit (actualitas, realitas) wird üblicherweise der Möglichkeit oder dem Schein entgegengesetzt. Eine intensive Diskussion findet statt über die Frage, ob Wirklichkeit materiell oder ideell ist (also objektiv und deshalb ausserhalb des menschlichen Bewusstseins oder subjektiv und deshalb innerhalb des menschlichen Bewusstseins existiert).

Vernachlässigt wird dabei ein einfacher Sachverhalt, nämlich, dass das Wort “Wirklichkeit” mit seinem wesentlichen Bestandteil “wirken” überhaupt nichts mit Objektivität oder Subjektivität, Sein, Möglichkeit oder Schein zu tun hat. Der Schein – insofern er wirkt, ist Wirklichkeit, der Wahn – insofern er wirkt, ist Wirklichkeit, Gott insofern er (oder Sie) wirkt ist Wirklichkeit. Selbst das nur Mögliche wird Wirklichkeit, sobald es auf meine Entscheidungen wirkt (z.B. als selbsterfüllende Prophezeiung).

Das ist der Wit(z) bei Lacan und modernen Therapeutinnen und Therapeuten, dass der Wahn nicht als unrealistisch abgetan wird, sondern ernst genommen wird als subjektive Wirklichkeit eines Klienten.

Die Verwirrung zeigt sich in der Alltagssprache, so finden wir oft Aussagen wie: “Es ist wirklich möglich …” und “Es ist scheinbar wirklich …”

Wirklichkeit kommt von Wirkung. Wirkung kommt von etwas Anderem. Etwas ist wirklich insofern es wirkt. Ob das Andere in unserem Hirn ist oder ausserhalb unseres Hirns oder irgend ganz anderswo, ist eine sekundäre Frage. Diese Frage sollte so gestellt werden:

Kann von der Wirklichkeit auf das Sein gefolgert werden?  Steht wirklich (!) ausser Frage dass etwas ist, weil es wirkt (das ist im Wesentlichen die Logik der aposteriorischen Gottesbeweise des Thomas von Aquin) oder dass etwas ist, weil es gedacht, ausgesagt werden kann (das ist im Wesentlichen die Logik der apriorischen onologischen Gottesbeweise des Anselm von Canterbury)?

Worüber wir sicher etwas sagen können, ist immer nur über die Wirklichkeit, niemals über das Sein.

Was gezeigt werden  kann, kann nicht gesagt werden. (Wittgenstein)

Worüber wir sicher etwas sagen können, ist, auf welche Weise  etwas wirklich ist, auf uns gewirkt hat!
Welche Seinsweise hat also ein Etwas?

  • Ist es objektiv wirklich (ausserhalb des menschlichen, oder gar ausserhalb meines eigenen) Bewusstseins?
  • ist es subjektiv wirklich (innerhalb des menschlichen, zumindest aber in meinem) Bewusssein?
  • ist es anders, auf eine uns bisher unbekannte Weise wirklich (meine Wahrnehmung – bisher – übersteigend, transzendent)?

Interessant ist diese Diskussion auch deshalb, weil Wirklichkeit und Existenz oft verknüpft werden. Damit wird Existenz aber nur zu einem Synonym von Wirklichkeit.

  • “Alles, was wirklich ist, existiert.”
  • “Etwas existiert nur weil und insofern es es wirkt”
  • “Wir wissen von der Existenz von etwas, weil wir von der Wirkung wissen”
  • “Weil etwas auf uns wirkt, können wir auf die Existenz dieses Etwas schliessen”
  • Wir wissen nur von der Wirkung einer Sache, niemals aber von der Existenz” (Kant)
  • “Alles was wirklich ist ist vernünftig, alles was vernünftig ist, ist wirklich” (Hegel)
  • etwas existiert für mich weil und insofern es auf mich wirkt.

Oft wird auch Wirklichkeit und Wahrheit miteinander verknüpft

  • Sein ist Wahrgenommen werden, esse est percipi. (Berkeley)
  • Ich glaube es erst als Wahrheit wenn und insofern ich es sehe, anfassen, wahrnehmen kann (Realismus, Empirismus)
  • “Ist das wirklich wahr?” ist eine unzulässige Verknüpfung zweier Fragen: Die Wahrheit einer Aussage (und nur Aussagen haben Wahrheit) besteht in der Übereinstimmung mit dem Sachverhalt, über dessen Wirkung etwas ausgesagt wird.

“Es regnet gerade” bedeutet nicht, dass es wirklich gerade regnet, sondern, dass eine Person eine Aussage post festum mit dem Inhalt macht “Es regnet gerade” und dabei auf Wirkungen auf sich selbst verweist (Ich sehe, dass die Strasse nass ist, ich sehe Wassertropfen an der Scheibe, meine Haare fühlen sich gerade jetzt nass an u.s.w.) welche auf diese Person an diesem Ort und zu dieser Zeit einwirkten. Nur die Aussagen von Zeugen zum selben Sachverhalt, also Personen, welche zur selben Zeit am selben Ort sind, können überhaupt verglichen werden und dabei kann Übereinstimmung oder Nichtübereinstimmung festgestellt werden. Und ich kann Zahlen, Daten, Fakten durch technische Hilfsmittel erheben. Aber auch diese “objektiven” Informationen werden schliesslich mitgeteilt durch Personen.
Ich kann also am Ende nur sagen: Die Aussage der Person A über  die Wirkung des Sachverhaltes X zum Zeitpunkt  Δt auf sie stimmt oder stimmt nicht überein mit der Aussage von Person B über die Wirkung des Sachverhaltes X zum Zeitpunkt  Δt oder mit der Aussage über die Outputs eines technischen Gerätes auf  Person C über die Wirkung des Sachverhaltes X zum Zeitpunkt  Δt.

Eine Aussage über die Wirklichkeit eines Sachverhaltes (“Das war wirklich George Clooney, den ich gesehen habe.”) ist keine Aussage über die Wahrheit eines Sachverhaltes, sondern nur über die subjektive Übereinstimmung einer Vorstellung mit einer Erfahrung (“Der sah so aus wie ich mir George Clooney vorstelle!”), die Erzählung von einer Wirkung.

Wirklichkeit führt zum Für-wahr-halten, niemals aber zumWahr-Sein.

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Phantomschmerzen sind real

Freitag, 26. Juni 2009 | Autor: Bernd

Wer sich mit Lacan beschäftigt, stösst auf die Kategoriengruppe Reales-Symbolisches-Imaginäres. Sogar eine eigene Abkürzung (RSI) existiert dazu. Literatur über diese Kategoriengruppe macht es nicht leichter, dieses Begriffsgebilde zu verstehen, wenn es denn überhaupt um ein Verstehen gehen kann.

Angeregt durch eine Sendung über Phantomschmerzen in amputierten Gliedmassen will ich versuchen, mein Verständnis dazustellen:

Wir haben ein dynamisches, das heisst veränderliches, Bild (Image, Imago) von unserem Körper oder/und Leib. Dieses Bild ist Ganz, es ist vollkommen und es ist damit das Objekt unserer Selbstliebe. Was wir an uns lieben können, ist immer ein ganzes Bild.

Dieses Bild kann auch das Bild eines Anderen sein, eines Helden, eines prominenten Menschen, eines Idols oder eine Zusammensetzung aus vielen Elementen. Mein Ich kann sich so aus dem zusammensetzen was wir von Anderen wissen bzw. zu wissen glauben …

Wenn wir nun versuchen, herauszufinden, wie unser Körper wirklich beschaffen ist, oder wenn wir durch die Reaktionen unserer Umwelt – die Wirkung, unsere Wirklichkeit, darauf aufmerksam (gemacht) werden, dass unser Bild, unser Imaginäres irgendwie nicht kongruent mit unsererer Realität sei, werden wir mit etwas überwältigendem, massivem Unfassbaren konfrontiert. Wir erfahren, dass Ich ein Anderer ist. Die Konfrontation unseres Ich mit dem als schreckhaft als Anderen Erfahrenen wird durchaus durch Selbstzweifel, Selbstverleugnung, Selbstverstümmelungen oder Selbsterweiterungen (Kleidung, Schönheitsoperationen) begleitet.

Dieses Reale, also genau genommen etwas welches einerseits wir und andererseits Andere über uns wissen, konstituiert sich aus Beobachtungen, welche uns durch unsere Sinne gegeben werden (M-ein Fuss, m-ein Bein, m-eine Reaktion) oder das uns durch die Spiegelung Anderer gegeben wird (M-ein-ungen Anderer über uns, Du bist …, unser Bild im Spiegel) Dieses Reale aber ist immer zerstückelt. Es ist nur unsere Vorderseite, es ist nur unsere augenblickliche Stimmung, es ist eine Bemerkung, vor langer Zeit beiläufig fallen gelassen. Weil wir an diesem Bild gemessen werden, weil sich das Verhältnis der Anderen zu uns aus diesem, aus deren Bild speist, ist dieses Bild wichtig, mächtig. Aber es ist nicht in unserer Macht. Jede Erfahrung des Realen das unser stärkstes Begehren befriedigen soll, ist so automatisch und ungetrennt schmerzhaft. Es ist die Erfahrung der Macht Anderer der wir machtlos ausgesetzt sind. “Die Hölle, das sind die Anderen!” sagt Sartre dazu.

Genuss und Verletzung finden im selben Moment des Akts der Erfüllung des Begehrens statt.

Wer Menschen beobachtet, welche Digitalphotos von sich oder Gegenständen anfertigen, sieht extrem unterschiedliches Verhalten. Bei der Photographie von Gegenständen wenden sich diese Menschen  in der Regel unmittelbar nach dem Auslösen vom Objekt ab, geradezu abgestossen wie von etwas, dem man gerade ein Unrecht zugefügt hat. Das gewonnene Bild wird wie gestohlenes Eigentum kurz kontrolliert und dann “weggesteckt” (taking pictures). Bei der Photograpie von Personen wird das Photo meistens sofort allen Beteiligten präsentiert, welche dann in ein Jauchzen ausbrechen, welches immer in der Reihenfolge 1. das Wiedererkennen von sich selbst und 2. der anderen Menschen auf dem Foto begleitet.

Aber beim Akt des Photographierens von Personen findet auch ein Machtakt statt, der von den Personen im Akt des Photographiertwerdens, des In-Besitz-genommen Werdens, wie bei einem Sexualakt als durchaus unangenehm empfunden und geäussert werden kann. Diese Angst vor dem Realen, die Angst im Akt des Erzeugens einer Realität, die mich verändern könnte, hindert uns trotzdem nicht immer am Jauchzen bei der Betrachtung des Photos, wie uns der Schmerz nicht immer an der Lust beim Sexualakt selbst hindert, es sei denn, es liegt bereits eine schwere Persönlichkeitsstörung vor.

Es gibt kaum einen Menschen, der nicht gerne und lange in den Spiegel schaut, nicht sein Horoskop liest, eine Meinung über sich erfragt, um sich zu erforschen. Aber das nicht nur angenehm, wir sehen im Spiegel auch Sachen, die wir nicht gerne in unserem Image haben, Leute sagen uns auch Sachen, die wir nicht gerne hören. Es entsteht eine Art von Hassliebe zu den Quellen unseres Realen. Der Spiegel, der Partner, Vater und Mutter, das Horoskop, die Beurteilung, der IQ-Test. Wir können nicht ohne sie, aber jedes Wort, jeder Blick ist Genuss und Verletzung zugleich.

Daher das Lachen, die spannungslösende Zwerchfellzuckung, das ruckartige Ausatmen oder die Aggression, das Weglaufen, der Schlag, das Duell (Sie haben mich fixiert, mein Herr! oder neuer: Was guckst du!) als typische Reaktion auf unsere Realitätserfahrung.

Aus der lust+schmerzhaften Spannung zwischen dem Imaginären und dem Realen speist sich dann das Symbolische, jene vielschichtige Welt, der Sprache eng verwandt – wie Lacan vermutet, mit der Sprache identisch – wie Wittgenstein glaubte (Die Tatsachen im logischen Raum sind die Welt), eine Welt in der wir unser gewahr werden, in der wir uns ausdrücken, aktiv spiegeln. Das Symbolische ist die Form, in der wir versuchen, die Macht über die Bilder Anderer über uns wiederzugewinnen.

Ist das Reale erst Genuss, dann Schmerz, welcher weggelacht oder weggeweint werden muss, so ist das Symbolische erst Schmerz, unser Produkt, unser Werk, in unserer Macht, unter Schmerzen empfangen und unter Schmerzen geboren, um dann mit Jauchzen und freudigem Interesse begrüsst und akzeptiert zu werden. Von den ersten Fäkalien, die wir als Kleinkinder als etwas von uns, etwas von uns geschaffenes, Getrenntes aber Unseres fasziniert betrachten (und noch als Erwachsene üben sie diese Gewalt aus, wie Manzoni bewies) bis zu den Fotos von uns und unseren Lieben, unserer Religion, unseren Glaubenssätzen, unseren Meinungen, unseren Produkten, unseren Kunstwerken, deren Beurteilung durch Andere wir uns in Galerien und Kirchen aussetzen, aber deren Negativbewertung mit Aggressivität, Verletztheit zu ertragen oder zu begegnen versuchen, bauen wir eine Ganze Welt des Symbolischen um uns herum, die die Wirklichkeit des Realen aussprechbar und damit erträglich macht.

Das abgetrennte Bein bleibt so sehr Unseres, dass wir die Schmerzen fühlen, als wäre es noch da. Und ja, es ist real nicht da, es ist negatives wirkliches Dasein, wie unsere Schmerzen wirklich sind. Erst wenn eine Therapie, eine Schulung unser Selbstbild, unser Image ändert, uns nicht mehr als Beinlose, also als jemand mit einem Mangel; einem Loch in das Begehren einströmen kann, begreifen, aussprechen lässt:

  • Arme=Geldlose;
  • Arbeitslose;
  • geistig Behinderte;
  • Gottlose A-theisten;
  • Schwanzlose Frauen, die keinen Phallus haben, also deren Geschlecht Verkörperung eines Mangels ist,

erst wenn eine solche Therapie oder Schulung uns als ganzes Image wiederherstellt

  • Leute, die kein Geld benötigen = Hippies
  • Menschen, denen die Gesellschaft Mittel zum Lebensunterhalt bereitstellt, um sich eine neue selbstbestimmte Existenz aufzubauen = Arbeitsamtsfinanzierte
  • Menschen mit speziellen Fähigkeiten, welche erfolgreich sein können = Savants – Forrest Gump
  • Freigeister
  • ein Geschlecht, das nicht eins ist sondern ZWEI, mit zwei Lippen die einander bei jeder Bewegung geradezu selbstgenügsam streicheln-Luce Irigaray)

erst dann können wir wieder gesund sein, ganz sein, wieder leben.

Borromäische Knoten

Borromäische Knoten

Die Verschränkung von Realem, Symbolischem und Imaginärem in einem borromäischen Knoten ist selbst ein Bild der Verschränkung realen Schmerzes und realer Lust. Dasselbe und doch nicht dasselbe, getrennt und immer verbunden, gemeinsam und doch selbständig.

Schulung oder Therapie hat die Aufgabe, Welt denkbar zu machen.

Philosophie ist die Arbeit, die die Welt DENKBAR macht.

Wittgenstein: tractatus 3.02 Der Gedanke enthält die Möglichkeit der Sachlage, die er denkt. Was denkbar ist, ist auch möglich.

Etwas denkbar zu machen, heisst demnach, etwas möglich zu machen. Freilich bedarf es immer noch der Tat als letzte Bedingung einer Sache, um etwas in Existenz zu bringen. (Wenn alle Bedingungen einer Sache vorhanden sind, tritt sie in die Existenz. Hegel)

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Arroganz und Überheblichkeit der Philosophen

Sonntag, 29. März 2009 | Autor: Bernd

Eine meiner wichtigsten Erfahrungen beim Schreiben ist, dass falscher Respekt vor anderen Meinungen nicht hilft. Was im Alltag wichtig ist, die Fähigkeit zur kritiklosen Anerkennung des Existenzrechtes anderer Auffassungen, ist im wissenschaftlichen Alltag gefährlich. Hier ist an ALLEM zu zweifeln, alles in Frage zu stellen und jede(r) Andere als potentieller Dummkopf oder möglicherweise im Irrtum befangen, zu sehen.
So hat zum Beispiel Heidegger, der sich als Schüler von Husserl sieht, in seiner Einleitung zu den Grundproblemen der Phänomenologie Sätze geschrieben, die das grundsätzliche Husserlsche Herangehen in Frage stellen, sein Werk als grossen Fehler entdecken.

Einen Wissenschaftler ehren und respektieren heisst, sich auf seine oder ihre Schultern zu stellen, ihn zu treten, sich über ihn zu erheben, die Leiter wegzuwerfen (war ne gute Leiter, aber nun brauche ich mich nicht mehr leiten lassen!).

Respekt erweisen heisst in der Wissenschaft, diese Thesen als Leiter, als Schulter, als Stütz-punkt zu akzeptieren. Das heisst nämlich auch Vertrauen und Achtung. Kein Wunder dass Wittgenstein genau das in seinem berühmten Satz eingefordert hat!
Auf die Aussagen eines schleimigen, unklaren, unsicheren oder gar verlogenen Schreibers kann sich keiner stützen. Wir würden mit unserer Denkbasis zusammenbrechen.
Die Fundamente unserer Philosophien können nur mit den klaren Gedanken gebaut werden, den genialen Fehlern und Einseitigkeiten, den Irrtümern welche entstehen, wenn jemand konsequent den falschen Weg bis zum Ende geht und uns den falschen Weg weist und damit erspart. Einen Philosophen ehren, heisst, ihn kritisieren. ihn (oder sie) der Kritik würdig zu finden. Genau das war es, worunter Nietzsche so gelitten hat: Dass zu seinen Lebzeiten kaum ein grosser Denker existierte, der ihn kritisiert hat, nur eine Frau, die das konnte, Lou …
Daher vielleicht sein Misstrauen und seine Abneigung gegenüber den anderen Frauen …

Hegel sagt auch, dass die Philosophie nichts für den Pöbel ist, ihrer Natur nach etwas Esoterisches (“Über das Wesen der philosophischen Kritik überhaupt”) und Heidegger ergänzt: “Die Ansprüche und Maßstäbe des gesunden Menschenverstandes dürfen keine Geltung beanspruchen und keine Instanz darstellen bezüglich dessen, was Philosophie ist und was sie nicht ist.” (Grundprobleme der Phänomenologie. Klostermann. 1975 S. 19)

Das dürften einige der Gründe sein, weshalb Philosophen oft als überheblich, respektlos und arrogant bezeichnet werden.

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Fehlender Referenzindex

Mittwoch, 7. Januar 2009 | Autor: Bernd

Wittgenstein, der sonst für mich ganz verständlich schreibt, schreibt im Abschnitt 6 des “Tractatus logico-philosophicus”:

Die allgemeine Form der Wahrheitsfunktion ist: [p, ξ, N(ξ)].
Dies ist die allgemeine Form des Satzes. (vgl. hier)

Hier ist ein Punkt, wo mein Verständnis aufhört. Warum? Ich weiss nicht was p, ξ und N in der Formelsprache Wittgensteins bedeuten.

Mir fehlen hier die Referenzindizes. Was das schon wieder ist? Schaut hier. Immer noch keine Ahnung? Ist doch mal wieder typisch, dass die “wissenschaftliche” Erklärung eines Begriffes noch mehr fehlende Referenzindizes enthält, als der Begriff, über den wir nichts wissen.

Das Geheimnis ist die Antwort auf die Fragen:

  • Worüber wird eigentlich gesprochen?
  • Welche Worte, welche Sprache, wird verwendet?
  • Wird mir geholfen, diese Sprache zu lernen?
  • Warum nicht?

Wenn wir etwas hören oder lesen, für das uns der Referenzindex fehlt, von dem wir also nicht wissen, was es bedeutet (wohin der Zeiger, der Index zeigt, deutet) entsteht ein Loch in unserer Wahrnehmung, wir merken, dass da etwas nicht ist. Da unsere Natur einen Horror vacui (Angst vor der Leere) hat, entsteht das Bedürfnis, das Begehren, dieses Loch zu füllen.

Zum Umgang mit dieser Leere gibt es drei Wege:

  1. PAL - ich mache es zum Problem Anderer Leute, indem ich die nerve oder davon ausgehe, dass mich dieses mein Unwissen nichts angeht. Das erzeugt aber in mir ein unterbewusstes Mangelbewusstsein welches wiederum dazu führt, dass ich den Wissenden verachten, herabwürdigen und/ oder fürchten muss.
  2. Ich begebe mich in einen hypnotischen Zustand und bin geöffnet, bereit, jede beliebige Erklärung zu akzeptieren ohne weiter nachzufragen. Das ist der religiöse oder mystische Weg.
  3. Ich beginne die Referenzen zu suchen, das heisst, das Verständnis des Textes durch das Auffinden der Bedeutungen, der Meinungen, der Kontexte zu erlangen. Das ist der wissenschaftliche Weg.

Variante 1 ist die Alltagsvariante, weil sie mir erspart zu forschen und ermöglicht, mich über andere zu erheben.

Variante 2 ist eine Technik, welche in der Psychotherapie und in der Pädagogik angewandt wird um die Kunden und Schüler/-innen aufnahmebereit für meine Aussagen zu machen.

Variante 3 ist am anstrengendsten, führt aber auch am weitesten. Deshalb wird sie von den wenigsten Menschen gewählt.  Bei Wittgenstein, der ein wahrer Wissenschaftler ist, werden diese Zeichen in den vorhergehenden Abschnitten (4) erklärt. Aber auch hier benötige ich Referenzen aus der zu seiner Zeit üblichen Formelsprache in der Logik. Ich erfahre von einem Herrn namens Frege, der unrecht gehabt haben soll u.s.w., kurz, ich muss mich auf eine Reise begeben, die anstrengend ist und die Gefahr in sich birgt, dass ich etwas lerne und damit meinen Bereich des Unwissens ausdehne.

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Platon und unsere Angst vor der Erkenntnis

Montag, 17. November 2008 | Autor: Bernd

Natürlich wusste Platon, dass er, gleich nachdem sein Kopf aus dem Nebel auftauchte und das Licht der Welt der absoluten Ideen erblickte, die Leiter unter ihm wegstossen musste. Das Licht aber war so überwältigend, die Einsicht so durchdringend, dass ihn, wie vor ihm schon und nach ihm noch so vielen die Angst überkam und er wieder herabstieg in die Vorstellungswelt, die er kannte, die ihm vertraut war. Da verschwand die Leiter.

Alles was ihm blieb, war die verblassende Erinnerung an diese herrliche Welt, alles was ihm blieb war, seine Träume von dieser Welt in Mythen zu fassen. Und das Bewusstsein seiner Schwäche, seiner Feigheit die ihm aus jeder Zeile seines Werkes entgegen schrie, machte ihn im Alter zu einem verbitterten Menschen, welcher eine Diktatur wünschte, weil er selbst einen Zwang, einen Herrscher gebraucht hätte in diesem einzigen Moment in dem von ihm Freiheit gefordert war. Er versah die Welt, von der er nur mehr träumen konnte mit Superlativen als so gewaltig, so überragend, so riesig, so als höchste Stufe der Bewusstheit, dass es verständlich erscheinen sollte, dass selbst er, der “grosse” Denker, diesen letzten Schritt nicht gewagt hatte.

Erläuterungen:

Einfach mal von einer anderen Seite schauen: Friedrich Dürrenmatt: Der Tod des Sokrates

Plato:

An diese Ausführungen knüpft Sokrates einen Mythos, um den Aufbau und das Lebensschicksal der Seele zu beleuchten. Anfänglich lebten die Seelen unter den Göttern und nahmen teil an ihrer himmlischen Wagenfahrt. Die Götter haben lauter edle Pferde, die Seele aber, deren Wagen von der Vernunft gelenkt wird, hat ein edles, himmlisches Ross, das Gemüt, und ein wildes, zottiges, bockiges irdisches Pferd, den Trieb. Bei der Wagenfahrt in der Gesellschaft der Götter führt der Weg steil an den Rand der Welt, auf den Buckel des Himmels: hier vermag der Lenker des Seelengefährts, die Vernunft, die in der überhimmlischen Region beheimateten Ideen zu erblicken: farblose, stofflose, gestaltlose, in Wahrheit existierende Wesen. Hierher kann nicht mehr jede Seele emporklimmen, doch die es noch vermag, stürzt wegen des störrischen und ungeschickten Verhaltens des irdischen Pferdes leicht ab. Dann fallen die Federn aus den Flügeln der Seele und diese sinkt zur Erde. Hier vermag sie die allgemeine Wahrheit zu erfassen, wenn es ihr vorher gelungen war, die Ideen zu erblicken.
(http://de.wikipedia.org/wiki/Phaidros)

Wittgenstein:

6.54. Meine Sätze erläutern dadurch, dass sie der, welcher mich versteht, am Ende als unsinnig erkennt, wenn er durch sie – auf ihnen – über sie hinausgestiegen ist. (Er muss sozusagen die Leiter wegwerfen, nachdem er auf ihr hinaufgestiegen ist.)
Er muss diese Sätze überwinden, dann sieht er die Welt richtig.
7. Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen.
(Ludwig Wittgenstein – Tractatus logico-philosophicus http://tlp.logischer-raum.de/)

Es scheint, Wittgenstein entläßt uns hier mit einem Rätsel oder, wahrscheinlicher, mit der Behauptung, dass wissenschaftliche Philosophie nicht möglich ist. Das Mystische existiert aber. Der Satz ist also umzudrehen: Wovon ich nicht schweigen will, davon muss ich sprechen lernen.
(Aus: Russell und Mystizismus. http://www.handout.de/downloads/RussellMystik.pdf)

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