Kompetenzlügen und Web 2.0
Donnerstag, 14. Februar 2008 | Autor: Bernd
Gabi Reinmann, eine Wissenschaftlerin am Institut für Medien und Bildungstechnologie kritisiert die Outputerfassung an Universitäten. In Prüfungen werden ihrer Meinung nach keine Kompetenzen abgefragt, sondern Fakten: “Wir versprechen ihnen (den Studierenden), sie mit Bologna (die neue Leitidee in Sachen Hochschullehre) auf berufliche Anforderungen, also aufs Problemlösen in der Praxis vorzubereiten, prüfen aber fast ausschliesslich die Reproduktion von Fakten. “(hier als pdf)
Das bezeichnet Frau Reinmann als die Kompetenzlüge. Wenn man bedenkt, dass ein Lüge auszusprechen voraussetzt, dass der Lügner weiss, dass er/ sie lügt, ist das schon eine harte Aussage…
Aber ist sie berechtigt?
Reinmann sieht eine Hauptunklarheit im Bologna-Prozess in den Assessment-Funktionen (Selektion oder/und Förderung), deren politisch unterschiedliche Deutung entscheidend und spaltend auf die Gestaltung der Lehre durch die Universitäten und des Lernens durch die Studierenden wirkt.
Das Assessment – eine Form der Leistungsbewertung – hat unzweifelhaft Einfluss auf das Lernverhalten. Die Gestaltung der Prüfung durch die Prüfer entscheidet über die Gestaltung des Studiums durch die potentiell Geprüften, sofern nicht zum Vergnügen, sondern auf ein Ergebnis, z.B. einen Job, eine Karriere hin, studiert wird. Dieser vorauseilende Gehorsam hat jedoch mit Kreativität nichts zu tun. Wenn nur für die Prüfung gelernt wird, nicht für die Zeit danach, verfehlt eine Universität ihr Ziel, wird zur reinen Arbeitskräfteproduktionsstätte im Dienste fiktiver oder realer Unternehmen, zu einer Art staatlich subventionierter Betriebsberufsschulen.
Eine Lösung scheint in der Nutzung der sog. Web 2.0 Technologien in einem “Blended Assessment” zu liegen, in dem ein Mix von Fremd-, Selbst- und Peer-Assessment auf Grund von multimedialem (nicht nur Text) Output in Projektform leichter als bisher
- Lernprozesse nachzeichnen lässt
- kollaborative Lernprodukte sichtbar werden
- Leistungen multimedial zu präsentieren und
- Umfang und Zeiträume des Assessments ohne grosse Mehrbelastung der Studierenden erweitert werden können.
Kurz, das Ziel scheint nicht, in Prüfungen, gar noch mit Multiple Choice Ankreuzfragen, Wissen abzufragen, sondern die Präsentation von Denk- und Arbeitergebnissen zu bewerten.
Der Vorschlag von Frau Reinmann richtet sich also auf die Aktivität, das Vorgeben der Studierenden statt auf die Passivität, das Antworten .
Hier scheint mir ein kurzer Blick auf den Kompetenzbegriff, so wie ich ihn erfasse, sinnvoll zu sein: Schopenhauer gliederte seine “Aphorismen zur Lebensweisheit” in drei Kompetenzbereiche:
- Von dem, was einer ist, die Persönlichkeit, die Begabung
- Von dem, was einer hat, Eigentum und Besitz, und
- Von dem, was einer vorstellt, besser, wie einer von Anderen vorgestellt wird – das Sein-für-Andere (was den größten Raum in diesem Text einnimmt und durch Heidegger und Sartre schliesslich ausgearbeitet wurde)
Ohne jetzt weiter ins Detail dieser Darstellung zu gehen, zeigt sich doch, dass Schopenhauer sich im Klaren darüber ist, dass Kompetenzen nur im praktischen Bezug auf Andere relevant für die Lebenssituation, die praktische Existenz eines Menschen, sind. Geprüft werden soll, was eine(r) ist – geprüft wird, was einer scheint, für Andere vorstellt.
Geübt wird daher von den Menschen die Vorstellung, die Verstellung, die performance. Das führt zu eben dieser Kompetenzlüge, weil die performer völlig vom Urteil des angenommenen, von ihnen vorgestellten Publikums abhängen.
Diese Vorstellung, diese performance hängt in ihrer Qualität nicht wirklich von dem ab, was eine(r) ist oder kann, sondern davon, was vom Prüfer, dem Publikum, den Anderen erwartet zu werden scheint.Was also geliefert wird, ist der Spiegel des Scheins, nicht der Schein des Spiegels.
Dies führt zu eben der Zerissenheit, denen sich die Lernenden im Lernprozess ausgesetzt sehen.
“Nicht für die Schule, für das Leben lernen wir” – so lautet das öffentliche Moralgesetz.
“Nicht für das Leben, für unsere Vorstellung vom Lehrerwunsch lernen wir” – so lautet das pragmatische Erfolgsrezept.
Das zerreisst die Lernenden auch deshalb so erfolgreich, weil der Massstab ihres Lernens tatsächlich nicht von Aussen, vom Lehrer, objektiv – sondern von Innen, von der eigenen Vorstellung und Furcht, subjektiv produziert wird. Die Lernenden erschrecken vor sich selbst, ihre eigenen Annahmen sind der Schrecken, dem sie sich real aussetzen. Dieser Schrecken durchzieht den Lernprozess und macht das Lernen für die Sensiblen unter den Lernenden zu einer Hölle, in der sie allzu oft nicht bestehen, der Selektion zum Opfer fallen, weil sie nicht gefördert werden.
Und wer wird ausgewählt? Logisch der beste performer, der Schaumschläger, der der so tun kann “Als Wenn Wie Dass”. Weil der aber in Wirklichkeit nichts kann, muss er (oder sie – selbstverständlich) sich die Fähigkeiten kaufen, und diese liegen, weil sie durch die Selektion gefallen sind und von sich nichts Bedeutendes vorstellen können, billig auf dem Markt.
Für mich gliedert sich Kompetenz in die drei Bereiche:
- Können – die Begabung, das was eine(r) ist, Fähigkeiten und Fertigkeiten
- Dürfen – das was eine(r/m) durch die Anderen zugelassen wird, der Freiheitsgrad, das Sein-Für-Andere
- Wollen – die Entschlusskraft, die Entscheidungsfähigkeit, die Fähigkeit, aus sich heraus zu handeln, die Subjektivität.
diese Bereiche sind für mich auch gleichzeitig die Gliederung des Begriffs der Freiheit.
Web 2.0 gibt den Einzelnen die Möglichkeit, im internationalen Kommunikationssystem alle drei Kompetenzbereiche zur Entwicklung zu nutzen. So wie in diesem Blog
Frau Reinmann ist auch im Kuratorium der Stiftung Erzählen
Thema: Essays | Ein Kommentar



