Durch diese Stufen müssen wir immer durch, wir haben keine Chance, nicht beim einfachsten Gedanken, das Schlimmste was uns passieren kann ist, dass wir auf einer Stufe hängen bleiben (Gläubiger, Skeptiker, Lehrer). Nur der Weise (oder natürlich DIE Weise) kann aus diesem Prozess heraustreten UND gleichzeitig in der Spirale der Entwicklung der Erkenntnis aufsteigen.
Und dann geht es wieder von Vorne los, denn das Wissen wird Glauben.
Auf meiner Reise nach Indien sagte eine sehr kluge Frau zu mir: “You are very opinionated”, also etwa: du hast zu allem eine feste Meinung.
Ich dachte darüber nach. Mein ganzes Leben lang habe ich die Erfahrung gemacht, dass nur eine kleine Anzahl von Personen auf eine Meinung mit einer fundierten Diskussion antworteten, die weitaus grössere Zahl aber mit Ausweichen oder gar Hass reagierte. Vielleicht war es ja auch ich selbst, der zu sehr auf einer Meinung beharrte, vielleicht sollte ich eher nachgeben, dachte ich, vielleicht sollte ich gar nicht erst eine Meinung äussern um nicht in Gefahr zu geraten?
Nun glaube ich die Ursache dieses für mich befremdlichen Verhaltens zu wissen: Für mich ist, so hoffe ich, eine Meinung der Startpunkt für Denken, mein Nach-denken ist in der Regel ein Denken-Nach-einer-Meinung, sei es meine eigene oder die Meinung eines anderen Menschen. Für viele Menschen aber ist eine Meinung der Endpunkt ihres Denkens, bei dem sie zu glauben beginnen. Wenn sie sich ihre eigene Mein-ung gebildet haben (durch Bildung, wie durch die Aneigung), beginnen sie diese Meinung (wie einen Besitz) so lange zu verteidigen, bis sie sie für eine Wahrheit halten. Diese Verteidigung ist dogmatisch, also gedankenlos, ohne Weiterentwicklung.
Genau das geschieht mit Religionen und Ideologien. Alle grossen Religionsstifter oder Ideologiebegründer wie auch Karl Marx hatten versucht, mit ihren Meinungen Denken anzustiften, aber alle grossen Religionen und Ideologien wurden, sobald sie sich mit Macht verbanden, dogmatisch. Das ist soweit auch notwendig, weil Macht feste Regeln benötigt.
Aber Wissenschaft ist das nicht mehr, es ist Politik. Deshalb ist Wissenschaft zwar machtbegründend, nicht aber machterhaltend. Machterhaltung ist immer mit Glauben und Vertrauen verbunden, Wissenschaft immer mit Zweifel und Kritik.
Letztens im Garten auf einer Party wurde mir die Gretchenfrage gestellt. Ihr wisst schon, die Frage:
Gretchen: „Nun sag, wie hast du’s mit der Religion? Du bist ein herzlich guter Mann, allein ich glaub, du hältst nicht viel davon.“
Als Faust ausweicht, fragt sie nach: „Glaubst du an Gott?“ und „So glaubst du nicht?“
Wonach wird da eigentlich gefragt? „Glaubst du an Gott?“ Auf meine Nachfrage, was unter Glauben und was unter Gott verstanden wird, gab es Verständnislosigkeit und, vor allem, keine Antwort.
Glaube steht in meiner Begriffswelt als Gegenbegriff zu Wissen. Glauben muss ich was ich (noch) nicht weiß.
Gott und die Götter steht für das was ich nicht anders benennen kann. Das Wort “Gott” ist ein Platzhalter. Sobald ich einen Begriff einer Sache habe, benötige ich diesen Platzhalter nicht mehr.
Nur noch wenige Menschen auf der Welt benötigen den Gott Zeus um Blitze zu bezeichnen.
Zeus ist jetzt anders ausdrückbar: Naturerscheinung, elektrische Entladung. Plasma. Mit einem Blitzableiter sind die schrecklichsten Folgen dieses Naturereignisses zu verhindern oder zumindest zu mildern. Es gibt also eine vernunftgeborene Maschine, den Blitzableiter, die den Blitz unter die Macht der Menschen stellt. Damit hört der Blitzeschleuderer Zeus auf zu existieren.
Was bedeutet die Frage “Glaubst du an Gott?” also wirklich? Sie bedeutet: Gehörst du zu uns? Unterwirfst du dich unserer Denkbeschränkung? Bist du genauso wie wir bereit, nicht mehr weiter zu denken? Bist du genauso wie wir? Das ist genau der Punkt, bei dem die Religion ins Spiel kommt. Das Versammeln in einer Kirche, die Gemeinsamkeit ist anscheinend nur möglich, wenn nicht weiter gefragt, nicht weiter gebohrt, nicht weiter gedacht wird. Das Dogma ist verbindend.
Was mir bei den praktizierten Religionen oft fehlt, ist die Lockerheit, der Pragmatismus, mit der z. B. die Mathematiker, deren Wissenschaft ähnlich wie eine Religion aufgebaut ist, an die Dogmen ihrer Wissenschaft – hier heissen sie Axiome, herangehen.
Ein Mathematiker sagt: “Nehmen wir mal an, es gäbe, entgegen den Vorstellungen unseres gesunden Menschenverstandes und der formalen Logik, eine Zahl die nicht Null aber auch nicht etwas ist. Nennen wir diese Zahl d. Nun können wir die Infinitesimalrechnung auf dieser Zahl aufbauen und eine ganze Menge von praktischen Problemen der Kurvenberechnung in praktisch verwendbarer hinreichender Genauigkeit lösen, die wir mit dem gesunden Menschenverstand und der formalen Logik bisher nicht lösen konnten.”
In der Religion hieße das in der selben Sprechweise: “Nehmen wir an es gäbe eine Wesenheit, die Wirkung auf uns ausübt (als Fatum) und auf die wir wirken können (durch unser Verhalten und/ oder unsere Gebete). Nennen wir diese Wesenheit Gott. Dann können wir mit diesem Gott eine ganze Reihe sonst unlösbarer moralischer und gesellschaftlicher Probleme, wie z. B. die Überwachung des heimlichen Handelns (Gott sieht alles!), einen allgemein verbindlichen Verhaltenskodex (christlich, islamisch), eine Sicherung von Sitten, lösen.”
Also, wie hältst du es nun mit der Religion?
Ich beobachte. dass die Religion als Zuchtwerkzeug und Trost für die Massen wirkungsvoll, also nützlich für jede Art von Herrschaft ist. Sie wirkt ausserdem als Opiat, also beruhigend.*
Die Kirche dagegen ist nur eine Form der Nutzung von Religion für Macht – eben weil sich die Kirche als die Vereinigung von Menschen versteht. **
Ich benötige sie nicht. Ich achte sie als Quelle für Kreativität und Kultur (wie des schönen Gebäudes im Kopf dieses Blogs, der Akropolis). Ich würde, im Gegensatz zu den Glaubenskriegern jeder Farbe, nie eine Kirche zerstören.
Als Fessel für menschliches Denken halte ich Glauben und Religion für gefährlich. Als Basis für menschliches Verhalten und hinreichend sicherer Ausgangspunkt für Gedankengebäude im Sinne eines mathematischen Axioms ist sie zweckmäßig. Zweckmässig ist aber auch ein Dolch, um Menschen zu ermorden, zweckmäßig ist Brot um Menschen zu ernähren. Zweckmäßig heißt noch lange nicht gut. Die Form der Religion ist dabei zweitrangig, wenn nicht sogar zu vernachlässigen. Ein Krieg zwischen den Religionen um Vorherrschaft ist unsinnig und immer verlogen.
Es geht also um die Verwendung der Religion wie um die Verwendung eines Dolches, die über meine Stellungnahme entscheidet.
Eine Religion, die Menschen zusammenführt, Verständnis und Zusammenarbeit ermöglicht, ihnen Hoffnung macht und in schwierigen Zeiten eine sichere Stütze ist, ist ebenso gut und nützlich wie das Einmaleins, das ich benutze, um meine Finanzen zu berechnen oder meine Bücher zu zählen. Ebensowenig, wie ich das Einmaleins benutzen würde, um komplizierte Kurvenberechnungen zu machen oder einen Weltraumflug zu planen, ebensowenig würde ich mich mit den Mitteln der Religionen zufriedengeben, um meine persönlichen und alltäglichen Probleme zu lösen oder mir Gedanken um die Gestaltung gesellschaftlicher Verhältnisse zu machen.
Wie halte ich es also mit der Religion? So weit sie reicht nutze ich sie auch, wenn sie nicht reicht, bin ich bereit ihre Grenzen zu überschreiten, und andere Möglichkeiten auszuprobieren.
—-
*Anmerkung: Dr. Blume (dessen Blog ich mit Interesse lese und den ich auf Grund seines Wissens empfehlen kann) nimmt an, dass die Gretchenfrage eher die nach sexueller Sicherheit ist. Seine Vorstellung scheint zu sein: Ist er religiös, ist er auch treu und steht zu seinem Kinde. Nun, treu kann ein Mensch auch ohne Religion, gar ohne Trauschein sein, und untreu kann er oder sie auch mit der Religion sein. Nicht umsonst ist Ehebrecherei in allen Religionen eine der am schärfsten verfolgten Sünden. Würden die Gläubigen nicht massenhaft ehebrechen, bräuchte man solch eine Regel gar nicht.
** Anmerkung 2 und hier die andere Seite des Christentums: Deschner, der Kirchenkritiker
und hier eine Sendung über ihn:
Teil 1:
Vieles, was sich über Religion sagen lässt, erschließt sich aus dem Umgang mit einem Satz von Karl Marx, den er als junger Mann schon gefunden hat. Marx sagt:
“Die Religion ist der Seufzer der bedrängten Kreatur, das Gemüt einer herzlosen Welt, wie sie der Geist geistloser Zustände ist. Sie ist das Opium des Volks.” (Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie. Einleitung. Marx/Engels-Werke, Bd. 1, 378ff.)
Das Eigenartige ist, dass dieser Satz in der Regel falsch zitiert wird, nämlich als: “Religion ist Opium für das Volk.”
Dabei liegt in der Art der Auffassung des Textes die Grundhaltung zur Religion:
Für Karl Marx ist Religion etwas, das das Volk für sich selbst macht, ebenso wie Opium, Alkohol und andere Rauschmittel um seine Ketten ertragen zu können oder wie Blumen, um die Ketten wenigstens zu verschönern.
Für die Falschzitierer ist Religion etwas, das Andere (der Staat, die Kirche, die drei “Betrüger” Jesus, Buddha und Mohammed – nach einer Streitschrift aus dem 16. Jahrhundert [auch hier] ) für das Volk gemacht haben um es zu verdummen und durch Angst klein zu halten.
In seinem Fall hoffte Marx, durch Schulung, Aufklärung, Wissenserweiterung dem Volk die Ketten unter den Blumen sichtbar zu machen. Er war sich der Härte dieser Massnahme bewußt. Ebenso wie ein Alkoholkranker oder ein Opiumsüchtiger alles tun wird, um seinen berauschten Zustand wiederherzustellen, wird auch das Volk immer wieder dazu tendieren, sich alte und neue Religionen zu schaffen, so wie es sich trotz Verboten und Verfolgung Alkohol selbst brennt oder Haschisch selbst zieht. Was er nicht ahnte, war, dass auch der Kommunismus vom Volk zur Religion gemacht werden würde.
Vom Standpunkt der Falschzitierer – die sich in allen Lagern finden, von den Feinden des Marxismus bis hin zu den sich selbst so nennenden Marxisten – muss gegen die Volksverdummung mittels Religion angegangen werden. Die “Verdummer”: Theologen, Priester, Imame, Mönche, Lamas werden zu Verbrechern gestempelt, die vernichtet werden müssen, deren Einrichtungen, Kirchen, Moscheen u.s.w. zerstört gehören. Den Betrügern muss das Handwerk gelegt werden.
Wie wir aus der Geschichte sehen, haben sich, auch unter dem Namen des Kommunismus, die Falschzitierer, die Vertreter der Betrugshypothese durchgesetzt.
Dass das weder Marx meinte noch Marxismus ist liegt auf der Hand. Es ist eine These, die in der Ursprungszeit der bürgerlichen, der kapitalistischen Welt entstanden ist und von bürgerlichen Theoretikern und Religionskritikern immer wieder vertreten wird, auch wenn diese sich Marxisten oder Kommunisten nennen.
Die Betrugshypothese ist keine marxistische Aussage, sondern eine vulgärbürgerliche Hetzparole, die zum Tode von vielen geistreichen und klugen Menschen geführt hat, zur Zerstörung von kulturellen Werten – und das war wohl auch das eigentliche Ziel dieser Parole und das ihrer Nutzer.
Kein Wunder, dass sich alle Diktatoren, ob Stalin oder Hitler oder Mao in dieser Sache einig waren.