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Seinszuweisungen und Meinungen

Mittwoch, 18. März 2009 | Autor: Bernd

Vergleiche:

“Du  siehst gut aus!”

“Ich finde, dass du gut aussiehst!”

Wie so oft finden wir im Alltag die philosophischsten Fragen. Was sind die Unterschiede zwischen diesen beiden Aussagen? Erst mal, dass wir die erste viel öfter finden als die zweite. Zum Anderen, dass die erste eine Seinszuweisung ist und die zweite eine Meinung.

Sehr oft werden Meinungen als Seinszuweisungen ausgesprochen.

Ein Kollege gab seinen Studenten die Aufgabe, eine Zeitung zu durchforsten und Meinungen und Informationen mit verschiedenen Farben zu kennzeichnen. Die Studenten waren bass erstaunt, als sie feststellten, dass die Zeitung fast ausschliesslich Meinungen und nur sehr wenig Informationen enthielt.

Warum aber tun wir das? Warum sprechen wir unsere Meinung so gerne als Seinszuweisung (ontologischen Satz) aus und warum lesen und hören wir offenbar so gerne Meinungen in den Medien, wie wir an den Umsatzzahlen der Medien oder an den Einschaltquoten von Big Brother Sendungen sehen können?

Nun, ich nehme an, dass eine Seinszuweisung den Menschen mehr Schutz bietet und ihre Meinung unangreifbarer macht.

Wenn man, also die ganze Welt, weiss (Wie jeder weiss …, bekanntlich …), ist man mit seiner Meinung nicht alleine und wer wird sich wagen, gegen die Allgemeinheit zu argumentieren?

Natürlich macht eine solche Aussage auch unsicher, dashalb suchen wir in den Medien Spiegel, Ausweise unserer Auffassungen (siehst du? Sie schreiben das sogar in der Zeitung! Also muss es wahr sein![vgl auch Terry Pratchett: The Truth]). Die Zeitungen mit den grossen Buchstaben sind nicht deshalb so begehrt, weil sie so informativ sind oder gar weil sie die Wahrheit sagen, sondern weil sie die Meinungen der grösseren Anzahl der Leser bestätigen. Diese Blätter wie auch das Fernsehen sind keine Meinungsmacher, sondern Meinungsbestätiger, Spiegel. Sie zeigen den Leuten nichts anderes als sich selbst, besser das geschminkte Gesicht, dass die Menschen von sich selbst im Spiegel sehen möchten.

Alle Versuche, diesen Medien Unwahrhaftigkeit oder Meinungsmache vorzuwerfen, sind daher zum Scheitern verurteilt.

Das ist so ;-)

Deswegen versuche ich auch so opinionated zu sein, ein Wort das seltsamerweise “selbstherrlich, rechthaberisch” bedeutet. Auch hier finden wir eine Ironie der Alltagsphilosophie: Derjenige, welcher eine Meinung ausdrückt und verteidigt, ist rechthaberisch oder gar selbstherrlich, derjenige, welcher seine Meinung als Allgemeinaussage verkleidet, als universale Aussage, wird geachtet oder gefürchtet.

Thema: Essays | Beitrag kommentieren

Die frühkindliche Schädigung der IST-Funktion

Donnerstag, 12. April 2007 | Autor: Bernd

“Mutti, was ist das?” fragt das Kind. “Das ist eine Lampe!” antwortet die liebende Mutter. Rumms, damit ist es passiert, das Kind ist verdorben für alle Zeit und Theologen und Philosophen haben zu essen. Wissenschaftlich heißt das – die Frage der Ontologie ist aufgeworfen und grundlegend systematisch falsch beantwortet worden.

Was ist geschehen? Das Kind hat eine einfache Antwort auf eine Frage bekommen, die es nicht gestellt hat. Die Antwort, die das Kind erhalten hat, war die Antwort auf die Frage: “Wie nennst du DAS – DA – JETZT?” Die Frage, die das Kind gestellt hat, war: WAS – IST – DAS DA?

Ab jetzt wird das Kind darauf dressiert, sich mit der falschen Antwort auf seine richtige Frage zufrieden zu geben. Insistiert es weiter, wird es bestraft: “Frag nicht so blöd, nerv nicht, ich habe es dir doch schon gesagt!” Möglicherweise gibt es zur Bekräftigung noch eine Ohrfeige.

Sokrates ist getötet worden, weil er gefragt hat “Was ist …” und sich mit der Benennung nicht zufrieden gegeben hat. Sein Bestehen auf einer Antwort, was “Schönheit”, “Tapferkeit” u . s. w. wirklich, über die einfache Bennennung hinaus IST nervte die Athener so lange, bis sie ihn wegen eines fadenscheinigen Grundes verurteilten.

Das zeigt aber auch schon in der Frühzeit der Philosophie, dass hier der Finger auf einem wunden Punkt lag.

Diese Antwort auf die Frage des Kindes ist gefährlich weil sie so einfach ist, und weil es scheint, als sei es eine Antwort.

Würde die Mutter antworten: “Das nenne ich eine Lok”, oder das Kind selbst zurückfragen: “Na was meinst du denn was das ist?” dann wäre die frühkindliche philosophische Schädigung nicht so gross. Das Kind wüsste, dass eine eigene Meinung wichtig ist und das Kind würde schnell den Unterschied zwischen Sein und Bezeichnung einer Sache lernen.

Die Frage nach der Benennung einer Sache – das Vergeben von Namen wird in vielen Kulturen als Akt der Aneignung, als Akt der Macht erlebt. Wenn wir ein neues Haustier bekommen, ist das Erste, woran gedacht wird, ein Name. Adams erste Tätigkeit soll die Vergabe der Namen an die Tiere gewesen sein (1 Mose, 19-20).

Das Sein einer Sache ist mehr, ist die Gesamtheit der Eigenschaften als lebendig Konkretes, Wirkliches – klar, dass es schwerer zu nennen ist als nur einfach ein Name.

Das klingt alles so lange harmlos, bis du auf der Strasse (wie es mir kürzlich in Kreuzberg erging) ein türkisches Kind sagen hörst “Jesus ist der Feind aller Moslems!”

Wüsste das Kind etwas über die Seinsbestimmung, könnte es lernen zu formulieren: “Ich meine dass Jesus der Feind aller Moslems ist.” Andere könnten darauf antworten – “Du hast keine Ahnung, weil du nicht weißt, wer oder was mit ‘Jesus’ bezeichnet wird. Aber es war ja nur deine Meinung. Ich lehre dich jetzt etwas mehr Wissen über das was heute über diese historische Person von anderen gesagt wird. Übrigens ist der Typ tot, kann also gar keines Moslems Feind sein und hat nie einen Moslem treffen können, weil es diese zu seiner Zeit nicht gab.” Oder sie könnten fragen: “Worauf gründet sich deine Meinung?” und schnell herausfinden, dass hier jemand ebenso dummes Zeug erzählt hat, wie von der Mutter (oder dem Vater) gelernt.

Das ist natürlich nicht mehr so lustvoll wie eine Seinsbestimmung, jetzt muss selbst (oder überhaupt) nachgedacht werden.

Warum geben wir uns all zu oft mit der Bennennung einer Sache zufrieden, wenn wir doch das Wesen einer Sache wissen wollen? Hat diese Fragetechnik vielleicht etwas mit Lust oder gar Machtsicherung zu tun?

“Du bist ein … (bitte einsetzen was sie schon immer mal zu jemandem sagen wollten)” ist ein Macht-Satz. Hier identifiziere ICH etwas oder jemanden mit etwas oder jemandem.
Dieser Zusammenhang zur Macht ist wohl einer der Gründe, weshalb die Ist-Funktion oder die Ontologie (die Lehre vom Sein) trotzdem sie philosophische Domäne ist, ständig unter der scharfen Beobachtung der Politik steht. Die Behauptung oder Feststellung des IST erzeugt Rechte und Rechte dienen zur Begründung von Handeln.

Das IST – ist die Behauptung einer überindividuellen Definition. Sage ich: “Das ist …” so sage ich nicht “Ich meine, dass, dieses … sein könnte”. Das IST so (und nicht anders) entspricht dem MAN auf der objektiven Ebene und, so meine ich, ist ebenso falsch oder gar überheblich. Wenn ich im Namen aller spreche depriviere ich meinen Gesprächspartner. Er (oder sie) steht allen gegen die ganze Menschheit, die durch mich repräsentiert wird.

Dem kommunikatorischen “Ich statt Man” steht hier also das “‘Ich meine’ statt ‘Das ist so’” an der Seite.

Ganze Theologien und Philosophien wären nicht notwendig, wäre nicht gefragt worden: “Was ist Gott”, sondern “Was nennst du Gott?” und “Woher weißt du das?”

Ganze Pädagogiken sind gegründet auf diesen Satz “X= “, “Das ist …”

Es hat schon seinen tieferen Sinn, dass die meisten Lehrerinnen und Lehrer mit der Frage “Warum ist …” nichts anfangen können und zusammenbrechen.

Einige Gefängnisse sind voll mit Leuten, die nach dem “Warum ist …” gefragt haben …

Es gibt einen Sonderfall, wo die Antwort korrekt und der kindlichen Neugier förderlich ist: “Mutti, was ist das?” “Das ist nichts für dich!” (Und schon entdecken wir die Sexualität :-) )

Thema: Essays | 2 Kommentare