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Phantomschmerzen sind real

Freitag, 26. Juni 2009 | Autor: Bernd

Wer sich mit Lacan beschäftigt, stösst auf die Kategoriengruppe Reales-Symbolisches-Imaginäres. Sogar eine eigene Abkürzung (RSI) existiert dazu. Literatur über diese Kategoriengruppe macht es nicht leichter, dieses Begriffsgebilde zu verstehen, wenn es denn überhaupt um ein Verstehen gehen kann.

Angeregt durch eine Sendung über Phantomschmerzen in amputierten Gliedmassen will ich versuchen, mein Verständnis dazustellen:

Wir haben ein dynamisches, das heisst veränderliches, Bild (Image, Imago) von unserem Körper oder/und Leib. Dieses Bild ist Ganz, es ist vollkommen und es ist damit das Objekt unserer Selbstliebe. Was wir an uns lieben können, ist immer ein ganzes Bild.

Dieses Bild kann auch das Bild eines Anderen sein, eines Helden, eines prominenten Menschen, eines Idols oder eine Zusammensetzung aus vielen Elementen. Mein Ich kann sich so aus dem zusammensetzen was wir von Anderen wissen bzw. zu wissen glauben …

Wenn wir nun versuchen, herauszufinden, wie unser Körper wirklich beschaffen ist, oder wenn wir durch die Reaktionen unserer Umwelt – die Wirkung, unsere Wirklichkeit, darauf aufmerksam (gemacht) werden, dass unser Bild, unser Imaginäres irgendwie nicht kongruent mit unsererer Realität sei, werden wir mit etwas überwältigendem, massivem Unfassbaren konfrontiert. Wir erfahren, dass Ich ein Anderer ist. Die Konfrontation unseres Ich mit dem als schreckhaft als Anderen Erfahrenen wird durchaus durch Selbstzweifel, Selbstverleugnung, Selbstverstümmelungen oder Selbsterweiterungen (Kleidung, Schönheitsoperationen) begleitet.

Dieses Reale, also genau genommen etwas welches einerseits wir und andererseits Andere über uns wissen, konstituiert sich aus Beobachtungen, welche uns durch unsere Sinne gegeben werden (M-ein Fuss, m-ein Bein, m-eine Reaktion) oder das uns durch die Spiegelung Anderer gegeben wird (M-ein-ungen Anderer über uns, Du bist …, unser Bild im Spiegel) Dieses Reale aber ist immer zerstückelt. Es ist nur unsere Vorderseite, es ist nur unsere augenblickliche Stimmung, es ist eine Bemerkung, vor langer Zeit beiläufig fallen gelassen. Weil wir an diesem Bild gemessen werden, weil sich das Verhältnis der Anderen zu uns aus diesem, aus deren Bild speist, ist dieses Bild wichtig, mächtig. Aber es ist nicht in unserer Macht. Jede Erfahrung des Realen das unser stärkstes Begehren befriedigen soll, ist so automatisch und ungetrennt schmerzhaft. Es ist die Erfahrung der Macht Anderer der wir machtlos ausgesetzt sind. “Die Hölle, das sind die Anderen!” sagt Sartre dazu.

Genuss und Verletzung finden im selben Moment des Akts der Erfüllung des Begehrens statt.

Wer Menschen beobachtet, welche Digitalphotos von sich oder Gegenständen anfertigen, sieht extrem unterschiedliches Verhalten. Bei der Photographie von Gegenständen wenden sich diese Menschen  in der Regel unmittelbar nach dem Auslösen vom Objekt ab, geradezu abgestossen wie von etwas, dem man gerade ein Unrecht zugefügt hat. Das gewonnene Bild wird wie gestohlenes Eigentum kurz kontrolliert und dann “weggesteckt” (taking pictures). Bei der Photograpie von Personen wird das Photo meistens sofort allen Beteiligten präsentiert, welche dann in ein Jauchzen ausbrechen, welches immer in der Reihenfolge 1. das Wiedererkennen von sich selbst und 2. der anderen Menschen auf dem Foto begleitet.

Aber beim Akt des Photographierens von Personen findet auch ein Machtakt statt, der von den Personen im Akt des Photographiertwerdens, des In-Besitz-genommen Werdens, wie bei einem Sexualakt als durchaus unangenehm empfunden und geäussert werden kann. Diese Angst vor dem Realen, die Angst im Akt des Erzeugens einer Realität, die mich verändern könnte, hindert uns trotzdem nicht immer am Jauchzen bei der Betrachtung des Photos, wie uns der Schmerz nicht immer an der Lust beim Sexualakt selbst hindert, es sei denn, es liegt bereits eine schwere Persönlichkeitsstörung vor.

Es gibt kaum einen Menschen, der nicht gerne und lange in den Spiegel schaut, nicht sein Horoskop liest, eine Meinung über sich erfragt, um sich zu erforschen. Aber das nicht nur angenehm, wir sehen im Spiegel auch Sachen, die wir nicht gerne in unserem Image haben, Leute sagen uns auch Sachen, die wir nicht gerne hören. Es entsteht eine Art von Hassliebe zu den Quellen unseres Realen. Der Spiegel, der Partner, Vater und Mutter, das Horoskop, die Beurteilung, der IQ-Test. Wir können nicht ohne sie, aber jedes Wort, jeder Blick ist Genuss und Verletzung zugleich.

Daher das Lachen, die spannungslösende Zwerchfellzuckung, das ruckartige Ausatmen oder die Aggression, das Weglaufen, der Schlag, das Duell (Sie haben mich fixiert, mein Herr! oder neuer: Was guckst du!) als typische Reaktion auf unsere Realitätserfahrung.

Aus der lust+schmerzhaften Spannung zwischen dem Imaginären und dem Realen speist sich dann das Symbolische, jene vielschichtige Welt, der Sprache eng verwandt – wie Lacan vermutet, mit der Sprache identisch – wie Wittgenstein glaubte (Die Tatsachen im logischen Raum sind die Welt), eine Welt in der wir unser gewahr werden, in der wir uns ausdrücken, aktiv spiegeln. Das Symbolische ist die Form, in der wir versuchen, die Macht über die Bilder Anderer über uns wiederzugewinnen.

Ist das Reale erst Genuss, dann Schmerz, welcher weggelacht oder weggeweint werden muss, so ist das Symbolische erst Schmerz, unser Produkt, unser Werk, in unserer Macht, unter Schmerzen empfangen und unter Schmerzen geboren, um dann mit Jauchzen und freudigem Interesse begrüsst und akzeptiert zu werden. Von den ersten Fäkalien, die wir als Kleinkinder als etwas von uns, etwas von uns geschaffenes, Getrenntes aber Unseres fasziniert betrachten (und noch als Erwachsene üben sie diese Gewalt aus, wie Manzoni bewies) bis zu den Fotos von uns und unseren Lieben, unserer Religion, unseren Glaubenssätzen, unseren Meinungen, unseren Produkten, unseren Kunstwerken, deren Beurteilung durch Andere wir uns in Galerien und Kirchen aussetzen, aber deren Negativbewertung mit Aggressivität, Verletztheit zu ertragen oder zu begegnen versuchen, bauen wir eine Ganze Welt des Symbolischen um uns herum, die die Wirklichkeit des Realen aussprechbar und damit erträglich macht.

Das abgetrennte Bein bleibt so sehr Unseres, dass wir die Schmerzen fühlen, als wäre es noch da. Und ja, es ist real nicht da, es ist negatives wirkliches Dasein, wie unsere Schmerzen wirklich sind. Erst wenn eine Therapie, eine Schulung unser Selbstbild, unser Image ändert, uns nicht mehr als Beinlose, also als jemand mit einem Mangel; einem Loch in das Begehren einströmen kann, begreifen, aussprechen lässt:

  • Arme=Geldlose;
  • Arbeitslose;
  • geistig Behinderte;
  • Gottlose A-theisten;
  • Schwanzlose Frauen, die keinen Phallus haben, also deren Geschlecht Verkörperung eines Mangels ist,

erst wenn eine solche Therapie oder Schulung uns als ganzes Image wiederherstellt

  • Leute, die kein Geld benötigen = Hippies
  • Menschen, denen die Gesellschaft Mittel zum Lebensunterhalt bereitstellt, um sich eine neue selbstbestimmte Existenz aufzubauen = Arbeitsamtsfinanzierte
  • Menschen mit speziellen Fähigkeiten, welche erfolgreich sein können = Savants – Forrest Gump
  • Freigeister
  • ein Geschlecht, das nicht eins ist sondern ZWEI, mit zwei Lippen die einander bei jeder Bewegung geradezu selbstgenügsam streicheln-Luce Irigaray)

erst dann können wir wieder gesund sein, ganz sein, wieder leben.

Borromäische Knoten

Borromäische Knoten

Die Verschränkung von Realem, Symbolischem und Imaginärem in einem borromäischen Knoten ist selbst ein Bild der Verschränkung realen Schmerzes und realer Lust. Dasselbe und doch nicht dasselbe, getrennt und immer verbunden, gemeinsam und doch selbständig.

Schulung oder Therapie hat die Aufgabe, Welt denkbar zu machen.

Philosophie ist die Arbeit, die die Welt DENKBAR macht.

Wittgenstein: tractatus 3.02 Der Gedanke enthält die Möglichkeit der Sachlage, die er denkt. Was denkbar ist, ist auch möglich.

Etwas denkbar zu machen, heisst demnach, etwas möglich zu machen. Freilich bedarf es immer noch der Tat als letzte Bedingung einer Sache, um etwas in Existenz zu bringen. (Wenn alle Bedingungen einer Sache vorhanden sind, tritt sie in die Existenz. Hegel)

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Individuum und Gruppe

Donnerstag, 14. August 2008 | Autor: Bernd

Wenn eine grosse Gruppe zusammen versucht, Probleme zu klären, zeigt sich recht schnell, dass jede einzelne Person der Gruppe für die anderen mitdenkt.

Wie jeweils Teile eines Gehirns arbeitet das gemeinsame Denken der Gruppe in den einzelnen Für und Wider eigene individuelle Strategien aus. Auch wenn jedes einzelne Gruppenmitglied sich mit den Teilmeinungen wieder findet, stellt sich heraus, dass die Gruppe ein Gesamtindividuum bildet, mit eigenen Gedanken und eigenen Gefühlen.

Mitgerissen durch dieses „grössere“ Individuum der Gruppe erfolgt eine Anpassung des einzelnen Individuums, das seine eigenen Bewegungsgesetze verändert und schließlich in einer mimetischen Weise mit dem Gesamtindviduum verschmilzt.

Dieses Aufgehen im Gesamtindividuum ist kein Verlust, jedenfalls nicht immer und auf die Dauer. Sicher wird sich das einzelne Individuum nach der Trennung vom Gruppenkörper überrascht in der eigenen Individualität wiederfindend veranlasst sehen, eben noch Gedachtes mit dem nun anders Denkbaren zu vergleichen und entweder Reue oder Begeisterung (Be-Geisterung) zu entwickeln.

Da das Gesamtindividuum auf Grund des grösseren Gehirnvolumens aber zu interessanteren Lösungen, originelleren Vorschlägen und besser durchdachten Strategien kommt, ist das Einzelindividuum mitunter leichter zu überzeugen, die Insistenz dieser Denkergebnisse als eigene zu akzeptieren, vielleicht so gar in die eigene Individualität zu integrieren.

Lässt sich der Lacan‘sche Ex-istenzansatz hier integrieren?

Wenn Existenz die exzentrische, aus der Mitte geworfene Struktur beschreibt, haben wir hier also ein Individuum, welches durch die Masse der Gruppe oder eines starken Einzelindividuums aus seiner Mitte abgelenkt oder wenn es vorher exzentrisch war zu seiner Mitte hin gedrängt werden kann.

Das Erste nennen wir Bildung oder Mimesis, das Andere nennen wir (Gruppen-) Therapie.

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Der Name des Scheins im Spiegel

Sonntag, 1. Juli 2007 | Autor: Bernd

Auf die (psycho-)analytisch erste Frage, die sich in der Regel auf das Sein bezieht: “Wer bist du?” erhalten wir als Antwort typischerweise nur den Namen einer Sache oder eines Sachverhaltes. Genau genommen erhalten wir auf die Frage nach dem Wesen einer Sache eine Antwort, die den Namen des Scheins einer Sache enthält: “Ich bin Martin!”

Auf die vertiefenden Fragen: “Und was bist du wirklich …?” oder “Wer bist du wirklich?” folgt die Verwendung weiterer Nominalisierungen, die in ihrer Konkretheit ein Bild ergeben, mittels dem wir uns ab einem gewissen, je nach Objekt verschiedenen, Grad von Komplexität zufrieden geben: “Ich bin Tischler, habe ein Haus und zwei Kinder, meine Frau lebt von mir getrennt …” (Das heisst im Klartext: Meinen Beruf nennt man Tischler, ich bin der der zwei Kinder hat, ich bin einer, der getrennt von seiner Frau lebt … u.s.w.).

Trotz – und weil – die Frage nach dem Sein der diskutierten Sache immer noch nicht beantwortet ist, weil sie zu abstrakt gestellt wurde, geben wir uns ziemlich schnell ungeduldig mit dem Bild das uns eine/-r von sich gibt, zufrieden.

Doch woher hat der Befragte das Bild? Was beschreibt er da? Wir wissen mittlerweile, dass die Realität, die beschrieben werden kann, die jeweilige Form der Repräsentanz von Wirklichkeit im Hirn des Befragten ist – subjektive Realität. Wir erfahren also gar nichts über die objektive Realität eines Dinges, sondern etwas über die Vorstellung des Dings im subjektiven Bewusstsein des Befragten.

Diese Vorstellungen kommen aus dem Spiegel, den uns Andere liefern. Alle Erfahrungen über uns stammen von anderen Menschen oder von der Wirklichkeit, die andere Dinge (Nicht-Ich, Nichtse) für uns haben. Selbst Dinge, die wir selbst gemacht haben, Kinder oder Werke oder Zerstörungen sind im Moment des Wahrnehmens Anderes – Fremdes.

Da wir selbst Andere für die Anderen sind, finden wir rasch partielle Ähnlichkeiten mit unserer Wahrnehmung, ähnlich jener aus welcher das befragte Ich sein Selbstbild bezogen hat.

“Der durch das Spiegelbild gestiftete Beginn meiner Identität ist zugleich der Beginn meiner Alienation – der Andersheit meiner selbst”, sagt Lacan.

Diese partielle, immer zerstückelte, Wahrnehmung erinnert das Subjekt jedoch unangenehm und schmerzhaft an die Zerstückelung, die es vor der Befragung des Spiegels an sich erfahren hat (Wir haben mit einiger Sicherheit nur einige Teile von uns wahrnehmen können, unsere Hände, Füsse, Teile unseres Leibes, nicht aber unsere Ohren oder unseren Hinterkopf oder das Innere unserer Leiber).

Aus dieser Wahrnehmung zieht das Subjekt das Begehren nach Ganzheit, nach der Aufhebung der Zerstückelung.

Da der Spiegel aber der Spiegel von Anderen ist über die wir keine oder nur eingeschränkte Macht besitzen, sind jene, sosehr wir ihrer Meinung als Spiegel bedürfen, Quelle von Schmerz, Fortsetzung der Zerstückelung, der Entfremdung, des Mangels – damit Gegenstand des Begehrens.

Die Hölle, das sind die Anderen, die wir begehren – könnte eine Erweiterung von Sartre’s Satz lauten.

“Sein heißt – wahrgenommen werden”, so verstehe ich hier Berkeley.

Ob allerdings die unangenehme Seite der Abhängigkeit dominierend sein muss, bezweifle ich. Im Spiel der gegenseitigen Abhängigkeiten entfalten sich Trauer und Freude, Leiden und Tat. Die Entscheidung, was als welches gilt liegt in vielen Fällen bei uns:

“Denn man muss vor allem festhalten, daß es ein und dasselbe Begehren ist, wonach der Mensch sowohl als handelnd wie als leidend gilt.” (Spinoza)

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