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Hören und Sehen

Montag, 9. November 2009 | Autor: Bernd

Wer Ohren hat, zu hören, findet rasch jemanden, der ihm was erzählt.
Wer eine Stimme hat, zu sprechen, muss jemanden suchen, der offene Ohren hat.

Deshalb fordert Jesus von Nazareth ja auch mit den Rabbis und Lehrern seiner Zeit:

Wer Ohren hat, zu hören, der höre!

Vielleicht ist diese Erfahrung, denn es ist eine Erfahrung, in diese Worte gekleidet, der Grund dafür, dass so viele Menschen dem Sprichwort glauben, welches behauptet, dass Schweigen Gold und Sprechen Silber bringe.
Wer aber getrieben ist, zu sprechen, zu senden und unter dem Mangel an Empfängern, an Hörern leidet, endet mitunter wie Schopenhauer mit dem Nichts, das alles Leiden endet oder wie Tucholsky im Schweigen:

Schweigen
Schreiben
Reden

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Ja Ja und Nein Nein oder das Verhältnis von Dialektik und Logik

Samstag, 6. Oktober 2007 | Autor: Bernd

In seiner berühmten Bergpredigt belehrt Jesus von Nazareth seine Jünger (nicht, wie oft behauptet, alle Menschen) in einer Art “Propagandistenschulung” unter anderem zum Thema “Schwören”:

“Eure Rede aber sei: Ja, ja; nein, nein. Was darüber ist, das ist vom Übel.” Matthäus 5,37

Widerspricht das eigentlich einer Dialektik, nach der die Identität der Gegensätze (Kampf und Einheit) eine eher alltägliche, normale und die Unterscheidung der Gegensätze eher der Sonderfall sind?

Eine Definition der “Metaphysik” ist die Darstellung als undialektische, eben nach Kategorien unterschiedene, festgelegte Ja, Ja; Nein, Nein Philosophie.

So geht die formale Logik und die euklidische Geometrie vom Grundsatz der Widerspruchsfreiheit aus, wie sie bei Aristoteles ausgedrückt wird:

„Doch das sicherste Prinzip von allen ist das, bei dem eine Täuschung unmöglich ist [...] Welches das aber ist, wollen wir nun angeben: Denn es ist unmöglich, dass dasselbe demselben in derselben Beziehung zugleich zukomme und nicht zukomme. [...] Doch wir haben eben angenommen, es sei unmöglich, dass etwas zugleich sei und nicht sei.“Aristoteles: Metaphysik 1005b

 

Jesus’ Aufforderung ist mit dieser Vorstellungswelt verbunden. Wir sollten jedoch nicht vergessen, dass es sich hier um eine Annahme handelt. Diese Annahme wird aus pragmatischen Gründen axiomatisch ins Denken eingeführt und als moralischer Grundsatz genutzt.

In der Wirklichkeit ist Ja und Nein immer miteinander verbunden, untrennbar. Ein Gegenstand, der sich bewegt, kann in seiner Bewegung nur beschrieben werden als gleichzeitig an einem Ort und nicht an diesem Ort seiend. Alle anderen Annahmen führen zu unauflösbaren Widersprüchlichkeiten, wie Zenon von Elea in seinen Aporien zeigte.

Der Witz ist hier die pragmatische Empfehlung, einen Standpunkt in einer fliessenden, sich bewegenden Welt einzunehmen. Ein Standpunkt um eines Standpunktes willen ist allerdings sinnlos. Es bedarf eines Zwecks, einer Nutzensabwägung. Dies ist der pragmatische Aspekt.

Dieser pragmatische Aspekt, den Jesus seinen Jüngern nahelegen will beschreibt den Sonderfall, bei dem Widerspruchsfreiheit zu ethisch gutem Handeln führen kann, was auch immer “gut” bedeuten mag. Ähnlichkeit besteht hier zu dem Sonderfall der Newtonschen Mechanik, die ja hinreichend für den praktischen Alltag der meisten Menschen gilt, auch wenn ihre Genauigkeit bei höheren Geschwindigkeiten oder in der Nähe des planckschen Wirkungsquantums, also für die Atomphysik oder für Weltraumflüge pragmatisch nicht mehr ausreichend ist und deshalb durch eine andere Mechanik, hier die Quantenmechanik, erweitert wird.

Wichtig ist, zu begreifen, dass hier nicht die Ungültigkeit der Newtonschen oder Euklidschen oder Marxschen Thesen nachgewiesen wird, sondern nur die pragmatischen Grenzen ihrer Gültigkeit, i.e. hinreichenden Nutzbarkeit gezeigt werden.

Deswegen ist die Widerlegung der Religion durch die Philosophie, die Widerlegung des Idealismus durch den dialektischen Materialismus, des dialektischen Materialismus durch moderne Phänomenologie oder Sprachtheorie jeweils immer auch eine Aufhebung, ein Hinweisen auf wenn auch begrenzte Gültigkeit der jeweiligen Theorien. Dieses Aufheben ist eine Kernthese der Dialektik, wie sie durch Hegel und Marx in das moderne Denken hineingebracht wurde.

Wir finden hier die Gründe dafür, dass wirklich philosophisch denkende Menschen überhaupt nicht an Feinden sondern überaus an Gegnern interessiert sind. Gegner sind Menschen, die, wenn wir uns mit ihnen oder ihren Auffassungen auseinandersetzen, uns bereichern. Gegner sind notwendige Gegenparts, sind die besten Freunde der Philosophen.

Wehe den Philosophen, die keine Gegner kennen , sie kennen sich selbst nicht!

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Religion und andere Opiate

Dienstag, 31. Juli 2007 | Autor: Bernd

Vieles, was sich über Religion sagen lässt, erschließt sich aus dem Umgang mit einem Satz von Karl Marx, den er als junger Mann schon gefunden hat. Marx sagt:

“Die Religion ist der Seufzer der bedrängten Kreatur, das Gemüt einer herzlosen Welt, wie sie der Geist geistloser Zustände ist. Sie ist das Opium des Volks.” (Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie. Einleitung. Marx/Engels-Werke, Bd. 1, 378ff.)

Das Eigenartige ist, dass dieser Satz in der Regel falsch zitiert wird, nämlich als: “Religion ist Opium für das Volk.”

Dabei liegt in der Art der Auffassung des Textes die Grundhaltung zur Religion:

Für Karl Marx ist Religion etwas, das das Volk für sich selbst macht, ebenso wie Opium, Alkohol und andere Rauschmittel um seine Ketten ertragen zu können oder wie Blumen, um die Ketten wenigstens zu verschönern.

Für die Falschzitierer ist Religion etwas, das Andere (der Staat, die Kirche, die drei “Betrüger” Jesus, Buddha und Mohammed – nach einer Streitschrift aus dem 16. Jahrhundert [auch hier] ) für das Volk gemacht haben um es zu verdummen und durch Angst klein zu halten.

In seinem Fall hoffte Marx, durch Schulung, Aufklärung, Wissenserweiterung dem Volk die Ketten unter den Blumen sichtbar zu machen. Er war sich der Härte dieser Massnahme bewußt. Ebenso wie ein Alkoholkranker oder ein Opiumsüchtiger alles tun wird, um seinen berauschten Zustand wiederherzustellen, wird auch das Volk immer wieder dazu tendieren, sich alte und neue Religionen zu schaffen, so wie es sich trotz Verboten und Verfolgung Alkohol selbst brennt oder Haschisch selbst zieht. Was er nicht ahnte, war, dass auch der Kommunismus vom Volk zur Religion gemacht werden würde.

Vom Standpunkt der Falschzitierer – die sich in allen Lagern finden, von den Feinden des Marxismus bis hin zu den sich selbst so nennenden Marxisten – muss gegen die Volksverdummung mittels Religion angegangen werden. Die “Verdummer”: Theologen, Priester, Imame, Mönche, Lamas werden zu Verbrechern gestempelt, die vernichtet werden müssen, deren Einrichtungen, Kirchen, Moscheen u.s.w. zerstört gehören. Den Betrügern muss das Handwerk gelegt werden.

Wie wir aus der Geschichte sehen, haben sich, auch unter dem Namen des Kommunismus, die Falschzitierer, die Vertreter der Betrugshypothese durchgesetzt.

Dass das weder Marx meinte noch Marxismus ist liegt auf der Hand. Es ist eine These, die in der Ursprungszeit der bürgerlichen, der kapitalistischen Welt entstanden ist und von bürgerlichen Theoretikern und Religionskritikern immer wieder vertreten wird, auch wenn diese sich Marxisten oder Kommunisten nennen.

Die Betrugshypothese ist keine marxistische Aussage, sondern eine vulgärbürgerliche Hetzparole, die zum Tode von vielen geistreichen und klugen Menschen geführt hat, zur Zerstörung von kulturellen Werten – und das war wohl auch das eigentliche Ziel dieser Parole und das ihrer Nutzer.

Kein Wunder, dass sich alle Diktatoren, ob Stalin oder Hitler oder Mao in dieser Sache einig waren.

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