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Häßliches

Montag, 14. Januar 2008 | Autor: Bernd

Friedrich Schlegel beobachtet 1797 (“Über das Studium der griechischen Poesie”, 1797):

“Das Schöne . . . ist so wenig das herrschende Prinzip der modernen Poesie, daß viele ihrer trefflichsten Werke ganz offenbar Darstellungen des Häßlichen sind.”

1853 veröffentlicht Karl Rosenkranz die “Ästhetik des Häßlichen”. Er wurde dazu getrieben, weil der Missbrauch der Vorstellungen Schillers, Hölderlins oder Schellings über die Rolle des Schönheitserlebens überhand genommen hat:

„Unsere deutsche Literaturgeschichte ist durch das Zurechtmachen derselben für Mädchenpensionate und höhere Töchterschulen schon ganz kastriert worden, um nur immer das Edle, Reine, Schöne, Erhebende, Erquickende, Gemütliche, Liebliche, Veredelnde und wie die Stichworte weiter lauten, für die zarten Jungfrauen- und Frauenseelen herauszustellen. Es ist dadurch eine unglaubliche Falschmünzerei der Geschichte der Literatur in Gang gekommen.” (Rosenkranz, Karl: Ästhetik des Häßlichen. Vorwort.)

Rosenkranz stellt das Häßliche als die andere Seite des Schönen dar, als dessen Negation. So existiert das Häßliche nur durch das Schöne. Damit nutzt er das Häßliche wie das Schöne als Unterkategorien des Ästhetischen welches selbst nicht mehr als Synonym für das Schöne genommen werden kann. Diese Idee ist meines Erachtens nicht im Widerspruch zu Kant’s Intentionen, sondern bereichert diese Intentionen um eine realistischere Seite. Abgewandelt könnte also festgestellt werden:

“Die Erfahrung des Häßlichen zeigt uns wo wir nicht in die Welt passen” und “Die Erfahrung des Ästhetischen zeigt uns unser Passen zur Welt”.

Damit ist das Urteil, welches Werk als häßlich (Schlegel ordnete dieser Klasse auch die Werke Shakespeares zu) und welches als schön erfahren wird immer eine Aussage über die Position des Aussagenden in der Welt. Die Entwicklung unseres Denkens über das Ästhetische wird durch die Extremwerte angetrieben, wie die schöne Darstellung des Häßlichen (wie in Goya’s Darstellung der Familie Charles IV):

oder die häßliche Darstellung des Schönen (wie bei Picasso):

Heraus kommt eine neue Konzeption der Ästhetik, bei der der Ästhetik eine über der Bewertung stehende Funktion im Empfinden der Menschen zukommt. Ob Tiere ästhetisches Empfinden haben, ist noch ungeklärt.Häßliches und Schönes als dialektische Gegensätze sind etwas anderes als die Definition des Häßlichen als (graduelle) Abwesenheit des Schönen. Wenn wir aber über dialektische Gegensätze reden, müssen wir auch über die Bewegung, deren Antrieb aus diese resultiert nachdenken.

Diese Bewegung ist das ästhetische Empfinden oder auch die ästhetische Empfindungsfähigkeit in der tatsächlich, wie in der Transzendentalphilosophie dargestellt, Objekt und Subjekt als Ungetrenntes in einer gleichsam mystischen Weise erfahren werden können.

Irrwege sind m.E. alle Versuche,

  • die Produktion ästhetischer Wahrnehmungsmöglichkeiten auf das Schöne einzuschränken – dies führt letztlich zum Elfenreigen über dem Bett,
  • diese Produktion dem Dienst einer politischen Bewegung zu unterstellen (dass ästhetische Wahrnehmung unmittelbar die Wahl einer politischen Bewegung unterstützen kann sieht man an den Masseninszenierungen Hitlers und Speers, die in den Turn- und Sportfesten der nordkoreanischen Machthaber ihre peinliche Fortsetzung finden vgl. auch meinen Artikel zu Politik und Philosophie) das führt zum peinlichen Grossdenkmal (bei dem ich sowohl die Fürstenstandbilder* als auch die Stalinstandbilder meine),
  • aber auch, das Ästhetische als Wertung (“Das sieht halt jeder anders”) ganz in der unverbindlichen Subjektivität der Meinung verschwinden zu lassen, das würde den Tatsachen kollektiver ästhetischer Urteile über Jahrtausende hinweg nicht gerecht.
  • Die Erfindung des “Künstlers”, die Politisierung der Kunst (Kunst als Werkzeug), die Ökonomisierung der Kunst im Design (Künstler als Wegbereiter des Designs) und die (pseudo-) wissenschaftliche, akademische Unbegreifbarmachung der Kunst sind verschiedene Werkzeuge, die nur ein Ziel haben – die Trennung von Subjekt und Objekt wieder herzustellen.


* Ist euch schon mal aufgefallen, dass die einzigen Gelehrten, die sich auf dem Standbild von Friedrich II Unter den Linden befinden, unter dem Schwanz des Pferdes plaziert wurden?

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Schönes

Montag, 14. Januar 2008 | Autor: Bernd

“Die Erfahrung des Schönen zeigt, dass wir in die Welt passen.” (Immanuel Kant) 

Dieser Satz beschreibt einen Fakt oder einen Sachverhalt. Die Tatsache, dass das Subjekt “wir” eine regelmässige (nicht zufällige oder singuläre) Erfahrung erlebt IST einfach da, sie geschieht, wenn sich Subjekte aktiv Objekten aussetzen und es gibt eine vergleichbare Erfahrung beim Naturschönen, also einem Verhalten zur Welt die sich als ästhetisches Objekt offenbart. Das Subjekt erlebt diese Erfahrung (passiv) oder macht diese Erfahrung (aktiv) also sowohl bei Objekten die da sind, das Da-Sein ausmachen, also durch die Wahrnehmung gegeben sind (Naturschönes) als auch bei Objekten, die Resultate des Einwirkens von Subjekten auf diese Objekte sind (Kunstschönes). Diese Erfahrung der Identität, der Ähnlichkeit, gar der Vereinigung ist mystisch, aber nicht transzendental, weil unmittelbar in der Wahrnehmung gegeben. Es ist also ein “Passen” in die Welt, das wir erfahren, ein “nicht-mehr-allein-sein”, dagegen ein “All-Ein-Sein” und diese Erfahrung ist was wir (nach Kant) einen oder gar den ästhetischen Genuss nennen. Genau dieses Gefühl der Identität mit der Welt im ästhetischen Erleben des Schönen wird durch Hölderlin und Schelling als der Punkt in der Welt erfaßt, von dem aus sich diese Welt erst begreifen und dann aus den Angeln heben lässt.

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