Drei Stufen der Erkenntnis
Freitag, 20. November 2009 | Autor: Bernd
Drei Stufen gibt es im Erkenntnisprozess:
- Glauben – Reaktion
- Zweifel – Revolution
- Wissen – Konservation
Durch diese Stufen müssen wir immer durch, wir haben keine Chance, nicht beim einfachsten Gedanken, das Schlimmste was uns passieren kann ist, dass wir auf einer Stufe hängen bleiben (Gläubiger, Skeptiker, Lehrer). Nur der Weise (oder natürlich DIE Weise) kann aus diesem Prozess heraustreten UND gleichzeitig in der Spirale der Entwicklung der Erkenntnis aufsteigen.
Und dann geht es wieder von Vorne los, denn das Wissen wird Glauben.
Jegliches Wissen beginnt mit dem Glauben.
Wir lernen zu glauben, dass Eins existiert, dass die Arbeiterklasse die Rettung für die Menschheit bringen kann, dass die Partei immer recht hat, dass es einen Gott gibt, oder mehrere, dass es Atome gibt und Elektronen, dass Menschen vernunftbegabt sind, dass Mutti und Vati immer lieb sind und wenn, dann gerecht strafen. Überhaupt spielen Strafen in dieser Phase eine grosse Rolle.
Wir werden von Reaktionären erzogen! Und der wichtigste Teil dieser Erzieherinnen sind: Frauen. Schon mal darüber nachgedacht, warum gerade Frauen so gerne Lehrerinnen werden wollen, besonders für den Kindergarten, die Grundstufe? (Wie haben sich die Revolutionäre und die Feministinnen gewundert, als sie nach der Befreiung der Frauen feststellten, dass die Frauen natürlich reaktionär sind, Überträgerinnen der Tradition, Erzieherinnen der Machos unter denen sie dann später als Ehefrauen angeblich leiden – Die beliebtesten Witze, Ehefrauenwitze, Schwiegermutterwitze, kommen aus dieser Spannung).
Uns glauben zu machen ist die Aufgabe der Lehrerinnen und Lehrer. In der Schule, wie auch immer sie geartet ist, werden wir mit Namen, Zahlen, Daten, Fakten, Grundannahmen, Axiomen, mehr oder weniger aggressiv bekannt gemacht. Wer nicht glaubt und die Glaubenssätze nicht exakt wiedergibt, wird bestraft, mit dem Rohrstock, der Verweigerung des ewigen Lebens oder der Drohung mit dem ewigen Leben, der Hölle auf Erden oder der Hölle in der Zukunft (Aus dir wird sowieso nichts!) oder wenigstens schlechten Zensuren.
Diese Grundanahmen also werden mit Fremdworten (Fachsprache) und Autoritäten belegt: Es steht geschrieben …, Schon Einstein (Jesus, Moses, Goethe, Gauss …) hat gesagt …, der Grosse Führer lehrte uns … Die Lehrer der Menscheit sind immer gross (der grosse Buddha, der grosse Karl Marx) grösser als wir, so wie unsere Eltern einst waren, auch wenn sie uns körperlich kaum bis zu Nase gereicht hätten.
Dummköpfe welche ihrer eigenen Autorität nicht trauen, wie einige Diktatoren, benötigen deshalb auch Persönlichkeitsverstärker wie hohe Mützen, hohe Häuser oder grosse Autos, nicht um zu kompensieren, sondern um zu unterstreichen, was sie selbst nicht glauben.
Diese Grundannahmen werden nicht belegt, nicht bewiesen. Ich habe ewig gebraucht um die Technik des mathematischen Beweises zu verstehen. (Wenn … dann) denn es wird eben zum Beispiel die Basis der mathematischen Behauptung der Infinitesimalrechnung: Gegeben sei eine Wesenheit (Entität), die nicht Null ist aber doch unendlich gegen Null geht, also etwas, was Null UND nicht Null ist, nicht bewiesen. Diese muss geglaubt werden.
Also statt: Ich beweise, dass Eins (Gott, Evolution, die Zibetkatze) existiert -> Wenn ich annehme (glaube), dass Eins (Gott, Evolution, die Zibetkatze) existiert, dann kann ich ein ganzes Gebäude von Wissen darauf errichten, in sich schlüssig, logisch und klar, herrlich. Mit diesem Gebäude kann ich dann weiter bis zu einem gewissen Grad der Genauigkeit die Welt erklären, Computer bauen, Seelen versorgen, trösten oder aufhetzen.
In dieser Stufe ist Zweifel unangebracht und wird von Lehrkräften erbittert verfolgt. Deswegen heissen sie auch Lehrkräfte und werden mit allen möglichen Mitteln vom Rohrstock bis zum Computer ausgestattet.
Die höchste Stufe des Gläubigen ist der Gelehrte, seine Perversion der Beckmesser.
„De omnibus dubitandum“ (lat.: An allem ist zu zweifeln)
Die schlimmste Frage, die eine Schülerin einem Lehrer stellen kann ist: Wirklich? Woher wissen Sie das? Will sie nicht weniger als der Lehrer sein, muss sie Autoritäten umstossen, Lehrsätze widerlegen, Glaubenssätze hinterfragen.
Plötzlich stellt sich heraus, dass der heilige Lehrer mit der Lehrerin ein Verhältnis hat, der grosse Führer gelegentlich aufs Klo muss oder andere Sch… baut, die grosse Wahrheit auf wackligen Füssen steht, die Namen ausgedacht, die Zahlen gefälscht, die Fakten in der Erinnerung verwechselt, die Grundannahmen – Axiome absurd sind und, mehr noch gerade wegen der Absurdität geglaubt wurden (credo quia absurdum).
Kluge Regierungen wissen, dass einen revoutionären Gedanken zu drucken der kürzeste Weg ist, ihn zu erledigen. Vielleicht machen es Diktatoren in ihrer unendlichen und unbegreiflichen Weisheit den Revolutionären mit Zensur, Redeverboten und Druckverboten gerade deshalb so schwer, weil sie wissen, dass die Ideen, welche wirklich tragfähig sind (Ach es ist so viel Geschwätz da draussen, meines natürlich gehört nicht dazu!) nur im Widerstand, in der Verzweiflung reifen können und sich doch letztendlich durchsetzen werden? Vielleicht opfern sich Zensoren auf, zerstören ihren Ruf wie Judas, töten die Propheten um die Prophezeiung wahr werden zu lassen und bekannt, bevor der Prophet selbst alt wird und seine Ideen relativiert oder zurücknimmt? Kaum etwas ist hässlicher als ein alter Revolutionär.
Sollten wir Judas Iscariot dafür wirklich hassen, dass er es Jesus von Nazareth möglich gemacht hat, die Rolle des Lamms zu spielen, getötet und konserviert, lesbar zu werden? (Vgl. auch “Der Fall Judas” von Walter Jens, auch hier und hier). Ich weiss, das klingt zynisch, aber das ist eine der Rollen des Wissenschaftlers, zynisch zu sein, weil er und manchmal auch sie, wissen wie das so läuft, das Leben und alles. Daher die zynischen Witze der Ärzte.
Welten brechen zusammen, Gesellschaftssysteme geraten ins Wanken, Materie verschwindet, neue Religionen entstehen (Es steht geschrieben, ich aber sage Euch!). Die Ehefrau (oder manchmal auch der Mann) ist nicht treu, überhaupt wird alles plötzlich unklar unscharf, undeutlich, selbst das Geschlecht wird unklar und wir wissen nicht mehr ob wir Männchen oder Weibchen sind.
Am Ende liest sich die Welt wie das Buch eines französischen Strukturalisten, klug, aber unverständlich.
In dieser Pubertät des Denkens werden wir alle Revoutionäre, wir pfeifen auf die Tradition, tun genau das, was uns verboten wurde, sägen an Stühlen, öffnen verbotene Türen oder treten sie ein, verlassen Vater und Mutter wegen verrückter Ideen (die wir vorher selbst ver-rückt haben wie alte Möbel um den Dreck darunter hervorzukehren oder den Schatz zu finden), werden Ein Fleisch mit Sophia , die sich als ein Flittchen herausstellt, das mit jedem und jeder schläft und auch noch Spass und nicht die geringsten Bedenken dabei hat. Die Liebe ist hier in ihrer heissesten Phase, das ewig Weibliche zieht uns hinan oder hinab, meistens Beides in Wechselbädern der Gefühle.
Die Revolution ist weiblich, so lange, bis die Kinder kommen, die neuen Erkenntnisse, die gepflegt werden müssen und versorgt, so lange sie und weil sie so zart, so zerbrechlich, so hart errungen.
Die Kinder sind das neue Wissen, die Erkenntnis.
Das Wissen ist das Ende des Zweifels
Nachdem wir ganz genau nachgesehen, den Vorhang gehoben, unter den Rock geschaut, die Eingeweide gelesen, die Zeichen gedeutet, die Säulen umgestossen, die Werte umgewertet, die Eltern widerlegt, Erfahrungen gemacht haben, müssen wir unsere neuen Erkenntnisse schützen, bewahren, mitteilbar machen.
Wir haben Überzeugungen gewonnen, unsere Zeugen sind durch unsere Erfahrungen Über-Zeugt worden. Wir haben in unseren wilden Nächten gezeugt und nun sind sie da, die Kinder, die Früchte unserer Erkenntnis, unser Herzblut, unsere Babies. Und diese sind schwach, zarte Pflänzchen.
Wir erzeugen neue Namen, Zahlen, Daten, Fakten, Grundannahmen, Axiome.
Wir nennen sie Neu. Wir nennen sie Fortschritt, wir nennen sie Entwicklung, wir nennen sie wahres Wissen. Wir schreiben sie fest in Büchern. Wir lehren sie den Lehrern. Wir machen sie konservierbar. Was wir mitunter vergessen, ist, dass die Konserve tot ist. Bücher sind die Särge des Wissens, Bibliotheken Friedhöfe, in denen wir mit den Toten sprechen.
Damit können nun auch unsere reaktionären Lehrer wieder leben, sie bezahlen die Bibliotheken, sie bezahlen die Universitäten. Totes Wissen ist nicht mehr so gefährlich, ein Teil der Toten wird für einige Zeit in gesonderte Bereiche (restricted Areas, Giftschränke) ausgelagert. Mit grosser Vorsicht werden sie adaptiert, umgedeutet, angepasst und eingepasst, werden sogar hoffähig. Hawkins darf den Papst treffen, Richard Dawkins wird gedruckt.
Tja, und dann geht alles wieder von vorne los. Wissen wird geglaubt, Glaube wird bezweifelt, Zweifel wird verifiziert zu Wissen. Wenn wir Glück haben, wird das Wissen mehr, manchmal steht aber am Ende der Nichtung des Wissens auch nur die Erkenntnis von der Nichtigkeit alles Wissens. Das sind die Fälle, wo die besonders reinen Formeln entstehen, die sich dann in Zitate verwandeln:
E = mc2 (Einstein)
“Cogito, ergo sum”(Descartes)
“Die Proletarier dieser Welt haben nichts zu verlieren als ihre Ketten. Sie haben eine Welt zu gewinnen. Proletarier aller Länder, vereinigt euch!”(Marx/ Engels)
„Erkenntnis der Einheit aller Wesen und Askese, Verneinung des Willens zum Leben allein kann uns erlösen, nicht der Selbstmord, der nur die individuelle Erscheinung des Allwillens vernichtet“ (Schopenhauer)
Das Zitat ist der Moment, in dem sich Wissen in Glauben verwandelt.


