Wie sehr darf ein Fachmann auf seinem Gebiet fehlen? Diese Frage zielt nicht nur auf die Anerkennung oder Aberkennung von Kompetenz, sondern auch auf die Anerkennung und Aberkennung des Rechtes, etwas anders als erwartet oder gar falsch zu machen.
Den Lehrern guckt man genauer auf die Kinder, dem Pfarrer genauer auf das Vieh: Wenn der nicht einmal seine Kinder erziehen kann, wie soll er dann meine Kinder erziehen? Wenn der mit der Hilfe Gottes kein gesundes und fettes Vieh hinkriegt, wie soll er denn mir für mein Vieh Gottes Segen erwirken?
Die Topoi der Sprache sind dazu: “Das hätte ich von dem (dir) nicht erwartet!” “Die kochen auch nur mit Wasser!” “Wie konntest du nur!”.
Das wirkliche Problem liegt, wie so oft, in der Technik unausgesprochener Prämissen, die natürlich in der Regel erst nach dem zu kritisierenden Akt, also erst nach dem Sündenfall formuliert werden.
Das Verbot, den Apfel zu essen, wird also erst formuliert, nachdem der Apfel genommen wurde, und dann rückdatiert. Schliesslich muss der Sündenfall auch wirklich passieren, sonst wäre die Kritik eine Lüge oder grundlose Unterstellung.
Vom Lehrer z. B. wird deshalb angenommen, dass seine Erziehung vollkommen ist, damit ihm bei der ersten Spur der Unvollkommenheit durch einen Falsifizierungsschritt Unfähigkeit vorgeworfen werden kann. Die Auszahlung ist gleich mehrfach:
- Ich kann mich am Lehrer für seine Übermacht im Unterricht rächen,
- Ich kann meinen eigenen Unfähigkeiten gegenüber nachsichtig sein: “Wenn es nicht mal der Lehrer kann …”
- Ich habe die Genugtuung, den Vorschlägen der Lehrer nicht folgen zu müssen – ich behalte die Entscheidungsmacht bei mir.
- Ich habe den Genuss, Ansprüche stellen zu können ohne diese selbst je erfüllen zu müssen.
- Ich genieße die Schadenfreude doppelt, einmal überhaupt und zum zweiten nach “oben”
Die Technik die hinter diesem Verhalten steht, ist die von mir so genannte Popanztechnik:
Person A definiert das Verhalten von Person B (oder von der Personenklasse B) unabhängig von objektiven Kriterien, vorwiegend nach seiner Meinung in ein Idealbild, dessen Geltung der Person B unterstellt wird. Das ist der Popanz. Dieses Idealbild, welches in Wirklichkeit das Idealbild von A ist, wird als Idealbild von B behandelt. Dann wird das Idealbild falsifiziert und B als nicht “seinem” Ideal entsprechend abgeschossen.
A steht als unabhängiger, objektiver Kritiker mit dem Recht auf seine Meinung und B als begossener Pudel da.
Dieses Spiel ist weiter verbreitet als möglicherweise sichtbar ist. Journalisten, vor allem die Sparte Enthüllungsjournalisten der Yellow Press nutzen Moralvorstellungen, die sie als allgemeingültig ausgeben und deren Nichterfüllung ihren Opfern vorwerfen. Ein unendliches Geschäft, weil es die Massen, die selbst alles andere als moralisch handeln, hinter sich hat. Angestellte gegen ihre Vorgesetzten, das Volk gegen seine Politiker, die Hausfrau gegen Prinzessin Sowieso, die Schüler gegen ihre Lehrer, die Professionen gegen einander – das Spiel durchzieht alle Schichten.
Aber auch im kleinen (Kollegen-)kreis wird das Spiel gerne gespielt. Entgehen kann man diesem Spiel nur durch hemmungslose Offenheit, zynische Bemerkungen (Was kümmert mich mein Geschwätz von gestern – Adenauer zugeordnet) oder ebenso hemmungslosen Verzicht auf jegliche Moral, wie es uns vor kurzem Paris Hilton und Britney Spears vormachten.