Der Streit zwischen Glauben und Wissen ist alt. In der Regel werden Glauben und Wissen als unvereinbare Gegensätze angesehen. Das Extrem ist der Streit zwischen extremistischen Gläubigen und “reinen” Wissenschaftlern.
So schreibt Ludmila Carone
“Klare eindeutige, vernünftige Formulierungen und Argumente und nachvollziehbare und dokumentierte Tests und Experimente; das sind die Grundlagen der Wissenschaft und nichts anderes. Subjektive Meinungen und Erfahrungen, die man gemacht zu haben glaubt, haben hier rein gar nichts zu suchen.”
Sie muss sich aber die Frage gefallen lassen: Woran erkenne ich, dass ein Satz “klar, eindeutig und vernünftig” ist? Sind Experimente wirklich und immer hundertprozentig nachvollziehbar? Muss ich, um dem Berichtenden zu glauben (!) jedes Experiment, jede Beobachtung nachprüfen, oder muss ich es nur können? Woran erkenne ich, dass eine Meinung “subjektiv” ist? Wären damit nicht alle Meinungsumfragen von vornherein unwissenschaftlich?
Martin Rundkvist erklärt sich als scientist und schreibt:
“In my opinion, there is only one kind of science, Wissenschaft, vetenskap, that is, the one that aims at finding out the truth about what the world is or has been like. From a fundamental philosophical perspective, archaeology and physics work just the same: not because I think physics are so great and archaeology is too, but because I think the road to solid scientific knowledge in physics is open but precarious, and that it is in archaeology too. … Ask clearly phrased questions, look at the evidence (quasars, amber bead hoards, census data, Victorian novels), draw clearly phrased rational conclusions, present your work to your peers for scrutiny, see who salutes.”
Vielleicht hilft es, sich Glauben genauer anzusehen.
Es gibt mindestens vier Nutzungsarten des Begriffes “Glauben”
- Ich glaube es weil ich es noch nicht weiß, weil ich dir vertraue und weil ich diese Information für meine Praxis benötige, sie aber nicht selbst verifizieren kann
- Ich glaube, weil es absurd ist (credo quia absurdum), weil ich es nicht weiß und ich hoffe, nie etwas darüber zu wissen
- Ich glaube, da ist noch mehr zu wissen oder zu bedenken, genauer, ich weiß da ist noch mehr und dieses Wissen lässt mich immer an der Richtigkeit oder Absolutheit des Wissenschaftsergebnisses zweifeln.
- Ich glaube, weil und so lange es mir nützt, ich will gar nicht mehr wissen, weil es mir zu anstrengend ist (so nutzen wir alltägliche Gegenstände).
Wissenschaft geht vom Glauben aus – ich meine, wenn ich eine Studie lese, weiß ich, was in dieser Studie steht, nicht was wirklich geschehen ist, denn ich bin nicht im unmittelbaren Wirkungskreis der Forschung, die zur Studie geführt hat, sondern im Wirkungskreis der Studie. Die Wirklichkeit, aus der sich meine wissenschaftliche Welt zusammensetzt, entstammt zu einem nicht unbeträchtlichen Teil dem Glauben anderer Menschen, den diese in Texten, Zeichensystemen und Hinweisen an mich kommuniziert haben.
Woher erfahre ich, dass es Trilobiten, Brachiopoden, Bryozoen, einen Archaeopteryx wirklich gibt? Selbst wenn ich die Steine sehe, die von Wissenschaftlern so benannt wurden – kann es sich auch um künstlicher Reliefs handeln – so lange ich kein Fachmann auf diesem speziellen Gebiet bin, muss ich glauben.
So scheint es auch Björn Kröger zu sehen.
Selbst die Mathematik, die wissenschaftlichste aller Wissenschaften geht von Glaubenssätzen aus:
“Nehmen wir mal an, es gäbe eine Entität, die Eins ist, unteilbar und unterscheidbar von anderen Eins – dann kann ich das ganze Gebäude der Mathematik darauf errichten”.
Dieses auf einem Glaubenssatz – ähnlich wie in einer beliebigen Religion gegründete Gebäude hat dann solche praktischen Resultate dass sie zur Newtonschen Physik führen.
Was geschieht nun wenn dieses “Eins”, der euklidische Grundglaubenssatz erschüttert wird, wie z. B. durch das Leibniz’sche Differential, das ja bekanntlich sagt:
“Nehmen wir mal an, es gäbe eine Entität, die gleichzeitig etwas ist und aber gegen Null geht, also Einheit von Sein und Nichtsein ist – dann können wir ein logisches Gebäude darauf errichten”
- dieses logische Gebäude hat dann so praktische Sachen wie Weltraumflüge, Atombombenexplosionen und die Beschreibung von Kurven ermöglicht.
Wo bleibt hier das Klare, Eindeutige, gar Vernünftige?
Also Mut, integrieren wir den Glauben in die Wissenschaft. Anzunehmen, dass es Eiszeiten, Meteoriteneinschläge, Gott und Götter, Göttinnen und Geister gibt ist ein Ausgangspunkt in der Wissenschaft, mitunter ein Lemma.
Der Unterschied besteht darin, wie wir mit den Glaubenssätzen umgehen:
Der wissenschaftlich denkende Mensch geht vom Glauben auf das Wissen, hinterfragt, will es genauer wissen. “Ich glaube, weil ich es noch nicht weiß”.
Der obskurant denkende Mensch geht vom Wissen auf den Glauben: “Ich glaube um es nicht wissen zu müssen”
Nehme ich “Gott”, diese
missbrauchte Zeichenkette G-O-T-T wie jede beliebige andere Zeichenkette, als Variable, als Leerstelle für etwas, für das ich
noch keinen Begriff habe, so wie Phlogiston für den Wärmeeffekt als ich mir alles nur als stofflich vorstellen konnte, kann ich diese Leerstelle durch Wissen auffüllen. So konnten die ersten Kosmonauten und Astronauten durch Augenschein sicherstellen, dass sich im Himmel kein Gott beobachten lässt.
Statt “Ich glaube an Gott im Himmel!”, konnten diese Wissenschaftler sagen: “Ich habe keinen Gott gesehen”
Das ist kein Atheismus. Atheismus heißt: Ich glaube, dass es Gott nicht gibt!
Mark Twain soll mal formuliert haben:
“Es ist nichts schwerer zu beweisen als die Nichtexistenz von etwas das nicht existiert!”
Für einige Theologen wanderte ihre Vorstellung von Gott so in das noch nicht Erforschte, z. B. die Psyche, zurück, sie sind Wissenschaftler, sie suchen weiter, andere ignorieren diese Erkenntnisse, sie beten immer noch “Gott im Himmel”, wohl weil ihnen das Symbol wichtiger ist als die Sache selbst, weil sie dieses Wissen nicht wollen.
Was den Laien vom Wissenschaftler unterscheidet, ist dass Wissenschaftler beim Glauben nicht stehen bleiben. Das gilt auch für die Wissenschaftler(innen), die sich mit dem Glauben beschäftigen.
Wer Wissenschaftler ablehnt, will uns alle zu Laien machen, will den Glauben nicht hinterfragen.
Lustig ist doch, dass auch die Obskuranten ohne Probleme die praktischen Produkte der Wissenschaft, wie z.B. das Internet nutzen um das Bedürfnis von Menschen “nicht wissen zu müssen” zu unterstützen.
Was ich viel interessanter finde ist, DASS es ein solches Bedürfnis nach dem Nichtwissen gibt, nach der Einschränkung des Bewusstseins, so wie uns zu viel
Alkohol vor dem Denken schützt.
Ebenso wie bei jeder wissenschaftlichen Frage folgt die pragmatische Frage: “Welchen Nutzen kann ich aus dem Wissen um dieses Bedürfnis ziehen?”
Die Obskuranten haben schon eine Lösung gefunden – sie gründen Kirchen und kassieren Steuern …
Diejenigen Gläubigen, mit denen ich gerne rede, sind die, welche sich selbst fragen, auch die Wissenschaftler fragen: “Was tut ihr da? Ist die Zündung einer Atomwaffe wirklich eine so gute Idee, die Lösung des komplizierten logistischen Problems der Massenvernichtung von Menschen wirklich ein sinnvolles Anwendungsgebiet der Wissenschaft?”
Hier ergibt sich eine neue Dimension des Glaubens, nämlich die Dimension, die sagt: Wir glauben, wir können uns nie sicher sein, richtig zu liegen, lasst uns noch mal nachschauen, noch mal vordenken …