Freiheit
Dienstag, 26. Februar 2008 | Autor: Bernd
Freiheit ist ein Schlüsselbegriff der Philosophie. Der Gegenbegriff, das Andere der Freiheit ist Ordnung, der Fatalismus, die absolute Macht des Schicksals, manchmal als unerbittliches Weltgesetz, manchmal als drei Schwestern, Parzen, Moiren oder Zorya. (Dass die mythischen Verkörperungen des Schicksals, der Abhängigkeit weiblich sind läßt vielleicht Schlüsse zu auf das Alter dieser Vorstellungen, die möglicherweise noch aus vorpatriarchalen Gesellschaften stammen)
Wenn man bedenkt, dass Deutschland sich als ein Land mit einer Freiheitlich Demokratischen Grundordnung (auch hier) definiert, so kann vorgestellt werden, dass hier eine Spannung vorhanden ist, aus der interessante und starke Bewegungen hervorgehen. Die Geschichte der politischen Bewegungen in der Bundesrepublik Deutschland ist erzählbar als eine Geschichte des Kampfes zwischen der Freiheit und der Ordnung. Interessant ist auch, dass diese Geschichte von ein und denselben Individuen, Parteien oder Organisationen, oft in einem Atemzug erzählt wird.
Dieser Gegenbegriff also, die Ordnung, bezeichnet die absolute Determination, jene Seite der Welt, die uns zeigt, dass sich für alle Ereignisse, auch unsere Entscheidungen, Gründe, Ursachen, Bedingungen anführen lassen.
Den Dingen auf den Grund zu gehen, die Ursachen zu verstehen, die Schöpfung zu begreifen indem das Loch, aus dem alles kam ergründet wird, sei es ein Brunnen oder das geheimnisvolle Loch aus dem wir Menschen kommen, gilt als Gleichnis von exakter Wissenschaft wie als bekämpfenswerte Perversion. Vielleicht haben deshalb die hervorragensten (?!) Erkenntnisse der Wissenschaft die gleichen Stürme der Entrüstung hervorgerufen, wie sexuelle Entdeckungen. Das Aufheben des Rockes der Natur empfindet nicht jeder als anständig.
Lichtenberg witzelte: “Daß die wichtigsten Dinge durch Röhren gethan werden. Beweise: erstlich die Zeugungsglieder, die Schreibfeder und schließlich unser Schießgewehr. “
Die Wissenschaft erzählt die Welt in der Regel in der Form: “Wenn-Dann”, also zum Beispiel: “Wenn alle Bedingungen einer Sache gegeben sind, tritt sie in Existenz”. Dort, wo Dinge in Existenz treten, deren Bedingungen wir nicht alle kennen, sprechen wir von Zufall. Das ist die Art, wie Spinoza die Freiheit gesehen hat, als Einsicht in die Notwendigkeit einer Welt, die “ordine geometrico“, nach der faszinierend einfachen Ordnung der Geometrie aufgebaut ist und damit als die Möglichkeit, Leiden zu vermeiden indem nicht gegen diese Notwendigkeit gehandelt wird. Deshalb heißt Spinozas Hauptwerk auch Ethik. Für Spinoza wird Freiheit durch Wissen geschaffen. Freiheit heißt, zu verstehen, weshalb etwas so oder so funktioniert.
Freiheit als Einsicht in die Notwendigkeit wird und wurde oft (z. B. durch Funktionäre von Parteien oder Unternehmer, die Leute entlassen wollen – sorry, müssen) ohne Berufung auf Spinoza, dafür manchmal auf Lenin oder Marx als Fatalismus: “Begreife, dass es notwendig ist!” benutzt. Auffällig ist, dass selten mitgeteilt wird, wessen Not gewendet wird. Sicher ist, dass es in der Regel nicht die Not der Einsichtigen war und ist. Freiheit wird hier als Gegensatz zum Zwang bestimmt.
Das Faszinierende an der Nicht-Freiheit ist die Ordnung, die versprochen wird. Die Wissenschaft liefert uns eine Ordnung der Welt, vielleicht sogar die Weltformel, mit der wir dann alles begreifen und wissen, warum etwas geschieht.
Der Witz aber ist, dass wir zwar tatsächlich von allen Dingen nur nachdem sie in Existenz getreten sind, Bedingungen angeben können (abhängig vom Forschungsetat), seltsamer Weise aber dies uns nicht für alle Dinge (z.B. Börsenkurse oder Lottozahlen) gelingt, bevor sie in Existenz treten.
“Meine Tante umstand meine Wiege und hatte es vorher gesagt …” spottet Tucholsky.
Wir haben also eine nur durch unsere Forschungsmöglichkeiten begrenzte absolute Determination post festum aber eine nur äusserst eingeschränkte Determinationsvermutung pro festum.
Für mich gliedert sich Freiheit in drei potentielle Kompetenzbereiche:
- Können – die Begabung, das was eine(r) ist, Fähigkeiten und Fertigkeiten
- Dürfen – das was eine(r/m) durch die Anderen zugelassen wird, der Freiheitsgrad, das Sein-Für-Andere
- Wollen – die Entschlusskraft, die Entscheidungsfähigkeit, die Fähigkeit, aus sich heraus zu handeln, die Subjektivität
und einen dynamischen, aktualen Bereich:
- die freie Handlung, die Tat.
Freiheit als Gabe, als Gegebenes, ist ein Naturprozess bio-psycho-sozialer und noch weiterer uns möglicherweise bisher unbekannter Faktoren, die auf das einwirken, was wir sind, wohin wir geworfen sind. Was gibt, ist Natur.
Freiheit als Erlaubtes ist ein Ergebnis sozialer Konstellation. Von der Erlaubnis (oder dem Verbot) der Eltern, mit bestimmten Kindern oder Sachen zu spielen hängt der Rahmen unserer Freiheit ab. Von den realen Machtverhältnissen hängt der “Spielraum” unserer Handlungen auch noch als Erwachsener ab. Erlauben können nur die Anderen.
Freiheit als Willen ist nur von uns selbst abhängig. Doch meine Bestimmung der Willensfreiheit als Fähigkeit verweist darauf, dass auch diese nur ein Potential von Freiheit ist. Wille ist Ich.
Freiheit muss zur Praxis werden, um zur Existenz zu kommen. So nett Gedankenfreiheit ist, und so sehr sie auch notwendig für die Fähigkeit menschlichen Handelns ist – ohne Handeln, ohne die Tat ist sie nichts, existiert nur in unseren Gedanken. Das Handeln ist, wovon Objektives und Subjektives ungetrennte Seiten sind.
Goethe lässt Faust in seiner Übersetzung des Johannes-Evangeliums von “Geschrieben steht: Im Anfang war das Wort” über “Im Anfang war der Sinn” und “Im Anfang war die Kraft”, zu “Im Anfang war die Tat” kommen, bevor der Pudel ihn stört.
Ich habe in diesem Blog früher schon erwähnt, dass die Wissenschaft, wo sie vorgeblich nach den Ursachen forscht, in ihrer Wirklichkeit nur an Folgen interessiert ist. So verstehe ich auch Goethes Ansatz, statt dem Wort die frische bedachte Tat, die freie Handlung als praktische Bedingung der Freiheit neben die anderen drei Bedingungen zu setzen.
Wir haben hier ein Bild von Freiheit, das die Tatsache der Einschränkung durch Anderes und die Anderen ebenso umfasst, wie die Fähigkeit aus sich heraus zu handeln. In Auschwitz war Freiheit nur sehr eingeschränkt vorhanden, aber sie war vorhanden!
“Die Gedanken sind frei”, sagen jene, welche am Handeln (noch) gehindert werden.
“Alles ist möglich, wenn du nur glaubst”, sagen Religöse jeder Art, Wunderheiler und Esoteriker (-innen).”
Alles ist möglich, wenn du nur willst! “, ist ein Versprechen, korrespondierend mit einem Wunschtraum, einem Begehren, das die Leute in die Seminare von Stars, “Leuten-die-es-geschafft-haben” NLP oder Motivationstrainern treibt.
“Mögen täten wir schon wollen, aber dürfen haben wir uns nicht getraut”, sagt Karl Valentin.
Sicher ist, dass mehr möglich ist, als wir zu glauben wagen, aber “Alles” ist auf jeden Fall falsch.
Idealisten wie Hölderlin, Kolumbus oder Einstein sind Menschen, die unsere Freiheiten ausloten indem sie bis an ihre Grenzen gehen.
Eine Grenze erkennen heisst, sie überwinden, sagt Hegel.
Freiheitliches Handeln ist auch immer an den Grenzen zu erkennen, die eine(r) berührt.
Wer sich nie die Nase an einer Grenze blutig gestoßen hat, war nie frei …
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