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Freiheit

Dienstag, 26. Februar 2008 | Autor: Bernd

Freiheit ist ein Schlüsselbegriff der Philosophie. Der Gegenbegriff, das Andere der Freiheit ist Ordnung, der Fatalismus, die absolute Macht des Schicksals, manchmal als unerbittliches Weltgesetz, manchmal als drei Schwestern, Parzen, Moiren oder Zorya. (Dass die mythischen Verkörperungen des Schicksals, der Abhängigkeit weiblich sind läßt vielleicht Schlüsse zu auf das Alter dieser Vorstellungen, die möglicherweise noch aus vorpatriarchalen Gesellschaften stammen)

Wenn man bedenkt, dass Deutschland sich als ein Land mit einer Freiheitlich Demokratischen Grundordnung (auch hier) definiert, so kann vorgestellt werden, dass hier eine Spannung vorhanden ist, aus der interessante und starke Bewegungen hervorgehen. Die Geschichte der politischen Bewegungen in der Bundesrepublik Deutschland ist erzählbar als eine Geschichte des Kampfes zwischen der Freiheit und der Ordnung. Interessant ist auch, dass diese Geschichte von ein und denselben Individuen, Parteien oder Organisationen, oft in einem Atemzug erzählt wird.

Dieser Gegenbegriff also, die Ordnung, bezeichnet die absolute Determination, jene Seite der Welt, die uns zeigt, dass sich für alle Ereignisse, auch unsere Entscheidungen, Gründe, Ursachen, Bedingungen anführen lassen.

Den Dingen auf den Grund zu gehen, die Ursachen zu verstehen, die Schöpfung zu begreifen indem das Loch, aus dem alles kam ergründet wird, sei es ein Brunnen oder das geheimnisvolle Loch aus dem wir Menschen kommen, gilt als Gleichnis von exakter Wissenschaft wie als bekämpfenswerte Perversion. Vielleicht haben deshalb die hervorragensten (?!) Erkenntnisse der Wissenschaft die gleichen Stürme der Entrüstung hervorgerufen, wie sexuelle Entdeckungen. Das Aufheben des Rockes der Natur empfindet nicht jeder als anständig.

Lichtenberg witzelte: “Daß die wichtigsten Dinge durch Röhren gethan werden. Beweise: erstlich die Zeugungsglieder, die Schreibfeder und schließlich unser Schießgewehr. “

Die Wissenschaft erzählt die Welt in der Regel in der Form: “Wenn-Dann”, also zum Beispiel: “Wenn alle Bedingungen einer Sache gegeben sind, tritt sie in Existenz”. Dort, wo Dinge in Existenz treten, deren Bedingungen wir nicht alle kennen, sprechen wir von Zufall. Das ist die Art, wie Spinoza die Freiheit gesehen hat, als Einsicht in die Notwendigkeit einer Welt, die “ordine geometrico“, nach der faszinierend einfachen Ordnung der Geometrie aufgebaut ist und damit als die Möglichkeit, Leiden zu vermeiden indem nicht gegen diese Notwendigkeit gehandelt wird. Deshalb heißt Spinozas Hauptwerk auch Ethik. Für Spinoza wird Freiheit durch Wissen geschaffen. Freiheit heißt, zu verstehen, weshalb etwas so oder so funktioniert.

Freiheit als Einsicht in die Notwendigkeit wird und wurde oft (z. B. durch Funktionäre von Parteien oder Unternehmer, die Leute entlassen wollen – sorry, müssen) ohne Berufung auf Spinoza, dafür manchmal auf Lenin oder Marx als Fatalismus: “Begreife, dass es notwendig ist!” benutzt. Auffällig ist, dass selten mitgeteilt wird, wessen Not gewendet wird. Sicher ist, dass es in der Regel nicht die Not der Einsichtigen war und ist. Freiheit wird hier als Gegensatz zum Zwang bestimmt.

Das Faszinierende an der Nicht-Freiheit ist die Ordnung, die versprochen wird. Die Wissenschaft liefert uns eine Ordnung der Welt, vielleicht sogar die Weltformel, mit der wir dann alles begreifen und wissen, warum etwas geschieht.

Der Witz aber ist, dass wir zwar tatsächlich von allen Dingen nur nachdem sie in Existenz getreten sind, Bedingungen angeben können (abhängig vom Forschungsetat), seltsamer Weise aber dies uns nicht für alle Dinge (z.B. Börsenkurse oder Lottozahlen) gelingt, bevor sie in Existenz treten.

“Meine Tante umstand meine Wiege und hatte es vorher gesagt …” spottet Tucholsky.

Wir haben also eine nur durch unsere Forschungsmöglichkeiten begrenzte absolute Determination post festum aber eine nur äusserst eingeschränkte Determinationsvermutung pro festum.

Für mich gliedert sich Freiheit in drei potentielle Kompetenzbereiche:

  • Können – die Begabung, das was eine(r) ist, Fähigkeiten und Fertigkeiten
  • Dürfen – das was eine(r/m) durch die Anderen zugelassen wird, der Freiheitsgrad, das Sein-Für-Andere
  • Wollen – die Entschlusskraft, die Entscheidungsfähigkeit, die Fähigkeit, aus sich heraus zu handeln, die Subjektivität

und einen dynamischen, aktualen Bereich:

  • die freie Handlung, die Tat.

Freiheit als Gabe, als Gegebenes, ist ein Naturprozess bio-psycho-sozialer und noch weiterer uns möglicherweise bisher unbekannter Faktoren, die auf das einwirken, was wir sind, wohin wir geworfen sind. Was gibt, ist Natur.

Freiheit als Erlaubtes ist ein Ergebnis sozialer Konstellation. Von der Erlaubnis (oder dem Verbot) der Eltern, mit bestimmten Kindern oder Sachen zu spielen hängt der Rahmen unserer Freiheit ab. Von den realen Machtverhältnissen hängt der “Spielraum” unserer Handlungen auch noch als Erwachsener ab. Erlauben können nur die Anderen.

Freiheit als Willen ist nur von uns selbst abhängig. Doch meine Bestimmung der Willensfreiheit als Fähigkeit verweist darauf, dass auch diese nur ein Potential von Freiheit ist. Wille ist Ich.

Freiheit muss zur Praxis werden, um zur Existenz zu kommen. So nett Gedankenfreiheit ist, und so sehr sie auch notwendig für die Fähigkeit menschlichen Handelns ist – ohne Handeln, ohne die Tat ist sie nichts, existiert nur in unseren Gedanken. Das Handeln ist, wovon Objektives und Subjektives ungetrennte Seiten sind.

Goethe lässt Faust in seiner Übersetzung des Johannes-Evangeliums von “Geschrieben steht: Im Anfang war das Wort” über “Im Anfang war der Sinn” und “Im Anfang war die Kraft”, zu “Im Anfang war die Tat” kommen, bevor der Pudel ihn stört.

Ich habe in diesem Blog früher schon erwähnt, dass die Wissenschaft, wo sie vorgeblich nach den Ursachen forscht, in ihrer Wirklichkeit nur an Folgen interessiert ist. So verstehe ich auch Goethes Ansatz, statt dem Wort die frische bedachte Tat, die freie Handlung als praktische Bedingung der Freiheit neben die anderen drei Bedingungen zu setzen.

Wir haben hier ein Bild von Freiheit, das die Tatsache der Einschränkung durch Anderes und die Anderen ebenso umfasst, wie die Fähigkeit aus sich heraus zu handeln. In Auschwitz war Freiheit nur sehr eingeschränkt vorhanden, aber sie war vorhanden!

“Die Gedanken sind frei”, sagen jene, welche am Handeln (noch) gehindert werden.
“Alles ist möglich, wenn du nur glaubst”
, sagen Religöse jeder Art, Wunderheiler und Esoteriker (-innen).”
Alles ist möglich, wenn du nur willst! “, ist ein Versprechen, korrespondierend mit einem Wunschtraum, einem Begehren, das die Leute in die Seminare von Stars, “Leuten-die-es-geschafft-haben” NLP oder Motivationstrainern treibt.

“Mögen täten wir schon wollen, aber dürfen haben wir uns nicht getraut”, sagt Karl Valentin.

Sicher ist, dass mehr möglich ist, als wir zu glauben wagen, aber “Alles” ist auf jeden Fall falsch.

Idealisten wie Hölderlin, Kolumbus oder Einstein sind Menschen, die unsere Freiheiten ausloten indem sie bis an ihre Grenzen gehen.

Eine Grenze erkennen heisst, sie überwinden, sagt Hegel.

Freiheitliches Handeln ist auch immer an den Grenzen zu erkennen, die eine(r) berührt.

Wer sich nie die Nase an einer Grenze blutig gestoßen hat, war nie frei …

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Verurteilung und Verdrängung

Sonntag, 17. Februar 2008 | Autor: philspass

“Die Verurteilung ist der intellektuelle Ersatz der Verdrängung … Vermittels des Verneinungssymbols macht sich das Denken von den Einschränkungen der Verdrängung frei und bereichert sich um Inhalte, deren es für seine Leistung nicht entbehren kann” (Freud, Sigmund: Die Verneinung (1925). In: Sigmund Freud. Essays III. Berlin 1988. S.128)

Jede Bestimmung ist eine Negation, finden wir bei Spinoza, dessen Hauptleistung genau im Gegenteil dessen bestand als was er leisten wollte.

Wenn wir von Menschen verurteilt werden, erfahren wir etwas darüber, was diese Menschen verdrängen. “Du sollst nicht …” wird damit nur all zu schnell “ich würde gerne … aber ich traue mich nicht, und deshalb sollen auch die Anderen nicht …”

Dass die Beschneidung junger Mädchen vor allem von alten Frauen tradiert und durchgesetzt wird ist ein Ausdruck für dieses Phänomen. Ich habe keine Freude am Sex, also sollst auch du keine haben!

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Kompetenzlügen und Web 2.0

Donnerstag, 14. Februar 2008 | Autor: Bernd

Gabi Reinmann, eine Wissenschaftlerin am Institut für Medien und Bildungstechnologie kritisiert die Outputerfassung an Universitäten. In Prüfungen werden ihrer Meinung nach keine Kompetenzen abgefragt, sondern Fakten: “Wir versprechen ihnen (den Studierenden), sie mit Bologna (die neue Leitidee in Sachen Hochschullehre) auf berufliche Anforderungen, also aufs Problemlösen in der Praxis vorzubereiten, prüfen aber fast ausschliesslich die Reproduktion von Fakten. “(hier als pdf)

Das bezeichnet Frau Reinmann als die Kompetenzlüge. Wenn man bedenkt, dass ein Lüge auszusprechen voraussetzt, dass der Lügner weiss, dass er/ sie lügt, ist das schon eine harte Aussage…

Aber ist sie berechtigt?

Reinmann sieht eine Hauptunklarheit im Bologna-Prozess in den Assessment-Funktionen (Selektion oder/und Förderung), deren politisch unterschiedliche Deutung entscheidend und spaltend auf die Gestaltung der Lehre durch die Universitäten und des Lernens durch die Studierenden wirkt.

Das Assessment – eine Form der Leistungsbewertung – hat unzweifelhaft Einfluss auf das Lernverhalten. Die Gestaltung der Prüfung durch die Prüfer entscheidet über die Gestaltung des Studiums durch die potentiell Geprüften, sofern nicht zum Vergnügen, sondern auf ein Ergebnis, z.B. einen Job, eine Karriere hin, studiert wird. Dieser vorauseilende Gehorsam hat jedoch mit Kreativität nichts zu tun. Wenn nur für die Prüfung gelernt wird, nicht für die Zeit danach, verfehlt eine Universität ihr Ziel, wird zur reinen Arbeitskräfteproduktionsstätte im Dienste fiktiver oder realer Unternehmen, zu einer Art staatlich subventionierter Betriebsberufsschulen.

Eine Lösung scheint in der Nutzung der sog. Web 2.0 Technologien in einem “Blended Assessment” zu liegen, in dem ein Mix von Fremd-, Selbst- und Peer-Assessment auf Grund von multimedialem (nicht nur Text) Output in Projektform leichter als bisher

  1. Lernprozesse nachzeichnen lässt
  2. kollaborative Lernprodukte sichtbar werden
  3. Leistungen multimedial zu präsentieren und
  4. Umfang und Zeiträume des Assessments ohne grosse Mehrbelastung der Studierenden erweitert werden können.

Kurz, das Ziel scheint nicht, in Prüfungen, gar noch mit Multiple Choice Ankreuzfragen, Wissen abzufragen, sondern die Präsentation von Denk- und Arbeitergebnissen zu bewerten.

Der Vorschlag von Frau Reinmann richtet sich also auf die Aktivität, das Vorgeben der Studierenden statt auf die Passivität, das Antworten .

Hier scheint mir ein kurzer Blick auf den Kompetenzbegriff, so wie ich ihn erfasse, sinnvoll zu sein: Schopenhauer gliederte seine “Aphorismen zur Lebensweisheit” in drei Kompetenzbereiche:

  1. Von dem, was einer ist, die Persönlichkeit, die Begabung
  2. Von dem, was einer hat, Eigentum und Besitz, und
  3. Von dem, was einer vorstellt, besser, wie einer von Anderen vorgestellt wird – das Sein-für-Andere (was den größten Raum in diesem Text einnimmt und durch Heidegger und Sartre schliesslich ausgearbeitet wurde)

Ohne jetzt weiter ins Detail dieser Darstellung zu gehen, zeigt sich doch, dass Schopenhauer sich im Klaren darüber ist, dass Kompetenzen nur im praktischen Bezug auf Andere relevant für die Lebenssituation, die praktische Existenz eines Menschen, sind. Geprüft werden soll, was eine(r) ist – geprüft wird, was einer scheint, für Andere vorstellt.

Geübt wird daher von den Menschen die Vorstellung, die Verstellung, die performance. Das führt zu eben dieser Kompetenzlüge, weil die performer völlig vom Urteil des angenommenen, von ihnen vorgestellten Publikums abhängen.

Diese Vorstellung, diese performance hängt in ihrer Qualität nicht wirklich von dem ab, was eine(r) ist oder kann, sondern davon, was vom Prüfer, dem Publikum, den Anderen erwartet zu werden scheint.Was also geliefert wird, ist der Spiegel des Scheins, nicht der Schein des Spiegels.

Dies führt zu eben der Zerissenheit, denen sich die Lernenden im Lernprozess ausgesetzt sehen.

“Nicht für die Schule, für das Leben lernen wir” – so lautet das öffentliche Moralgesetz.

“Nicht für das Leben, für unsere Vorstellung vom Lehrerwunsch lernen wir” – so lautet das pragmatische Erfolgsrezept.

Das zerreisst die Lernenden auch deshalb so erfolgreich, weil der Massstab ihres Lernens tatsächlich nicht von Aussen, vom Lehrer, objektiv – sondern von Innen, von der eigenen Vorstellung und Furcht, subjektiv produziert wird. Die Lernenden erschrecken vor sich selbst, ihre eigenen Annahmen sind der Schrecken, dem sie sich real aussetzen. Dieser Schrecken durchzieht den Lernprozess und macht das Lernen für die Sensiblen unter den Lernenden zu einer Hölle, in der sie allzu oft nicht bestehen, der Selektion zum Opfer fallen, weil sie nicht gefördert werden.

Und wer wird ausgewählt? Logisch der beste performer, der Schaumschläger, der der so tun kann “Als Wenn Wie Dass”. Weil der aber in Wirklichkeit nichts kann, muss er (oder sie – selbstverständlich) sich die Fähigkeiten kaufen, und diese liegen, weil sie durch die Selektion gefallen sind und von sich nichts Bedeutendes vorstellen können, billig auf dem Markt.

Für mich gliedert sich Kompetenz in die drei Bereiche:

  1. Können – die Begabung, das was eine(r) ist, Fähigkeiten und Fertigkeiten
  2. Dürfen – das was eine(r/m) durch die Anderen zugelassen wird, der Freiheitsgrad, das Sein-Für-Andere
  3. Wollen – die Entschlusskraft, die Entscheidungsfähigkeit, die Fähigkeit, aus sich heraus zu handeln, die Subjektivität.

diese Bereiche sind für mich auch gleichzeitig die Gliederung des Begriffs der Freiheit.

Web 2.0 gibt den Einzelnen die Möglichkeit, im internationalen Kommunikationssystem alle drei Kompetenzbereiche zur Entwicklung zu nutzen. So wie in diesem Blog ;-)


Frau Reinmann ist auch im Kuratorium der Stiftung Erzählen

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Gleichheit und Begabung

Donnerstag, 7. Februar 2008 | Autor: Bernd

Gleichheit ist eine der grossen Forderungen der französischen und fast aller weiteren Revolutionen danach. Gleichheit – was bedeutet das aber wirklich? Ist die Forderung nach Gleichheit mehr als ein neidisches “Ich auch!”?

Artikel 3 des Deutschen Grundgesetzes garantiert die Gleichheit vor dem Gesetz: “Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich.”

Wer Gleichheit fordert, erkennt die Existenz von Ungleichheit an. Wer in ein Grundgesetz schreibt, dass die Menschen vor dem Gesetz gleich sind, hat es offenbar nötig, muss also den üblichen Ungerechtigkeiten in der Gesellschaft regulierend entgegenwirken.

Welche Ungleichheiten gibt es denn so? Katalogisieren wir doch mal oberflächlich:

  • Ungleichheiten der Geburt, Geworfen-Sein, Existenz, Begabung, des An-Sich-Seins
  • Ungleichheiten der Behandlung, Stand, Benachteiligung, Bevorteilung, historische Veränderungen der Bewertung des Standes, der Schicht oder der Klasse, in der ein Mensch sich befindet, des Für-Andere-Seins
  • Ungleichheiten der Freiheitsfähigkeit, der Fähigkeit, aus sich etwas zu “machen”, des Für-Sich-Seins

Gleichheit, so sehen wir, gibt es naturgemäß nicht. Naturgemäss gibt es nur die Ungleichheit. Dies gilt für die objektiv natürliche wie für die objektiv gesellschaftliche (soziale) als auch für die subjektive Ungleichheit.

“Begabung” ist ein Beschreibungsbegriff für die Existenz besonders aus der Masse der Menschen herausragender Persönlichkeiten, wie Einstein, Mozart oder Hegel. Es ragen auch andere Menschen aus der Masse heraus, bei denen wir je nach Parteinahme den Begabungsansatz mehr oder weniger gern benutzen, solche Menschen wie Hitler, Pol Pot oder Stalin werden ungern als Beispiele für Begabung benutzt.

Der Begriff “historische Persönlichkeit” bezieht sich auf die Ergebnisse des Zusammenwirkung von Begabung, historischen Umständen und Entwicklungsbedingungen, die oft erst Jahrhunderte nach dem Ableben der jeweiligen Persönlichkeit als bedeutsam gewertet werden.
Auch von diesen Personen wissen wir allerdings erst, nachdem sie sich aus der Masse hervorgehoben haben, als durch Taten berühmt oder berüchtigt gewordene, welche selbst nur unter konkreten besonderen, nur diesem Individuum zukommenden Umständen möglich waren und unter bestimmten Kommunikationsbedingungen ins öffentliche Bewusstsein gelangen.
In diesem Sinne wird “Begabung” als Erklärung post festum, also als ein Erklärungs-, Erzählungs-, Rechtfertigungs-, als ein Interpretationsbegriff verwendet.

Objektive und subjektive Seiten der Ungleichheit, die ich entsprechend meinem Kompetenzansatz hier als Begabung bezeichnen will, verändern sich in der Ontogenese, der Entwicklung des menschlichen Individuums.

Das Wort “Begabung” verweist auf den passiven Charakter der Tatsache, die damit bezeichnet wird. Jemandem wird etwas gegeben, es ist kein eigenes Tun erforderlich, um “es” zu haben. Wie dem Dornröschen werden dem Neugeborenen Eigenschaften mitgegeben, von denen nicht klar ist, worum es sich handelt und ob sie zum Guten oder zum Bösen ausschlagen werden.

Dem (oder der) gegeben wird, ist ein Individuum, dessen Individualität durch diese Gabe maßgeblich bestimmt wird. Wer Geber selbst ist, ist unbekannt. Im Märchen waren es die Feen, andere vermuteten, dass es sich um das Universalindividuum “Gott” handele, das den Auserwählten mit Schriftrollen füttert (Ezechiel 3.3). Jetzt heißt dieser Gott mitunter Vererbung. Einige glauben auch an Knotenpunkte in der Komplexität der Welt, die mehr oder weniger zufällig ein Individuum treffen. Dies kann vorgestellt werden, wie dass der Weltgeist auf seiner (oder ihrer) Reise im Kopf des begabten Menschen Heimstatt sucht (ihn heimsucht).

Der begabte Mensch ist damit durchaus nicht mehr sein eigener Herr, er muss der Begabung folgen – so wurden Propheten begeistert, wurde das Genie geboren, handelt das Dämonische durch die Menschen. Auf jeden Fall ist das gebende Wesen eines, dessen Aktivität mit der Geburt aufhört. Mit der Geburt beginnt das Individuum aktiv mit dieser Begabung umzugehen und in Auseinandersetzung mit förderlichen oder widrigen Umwelteinflüssen jene freien Taten zu begehen, aus denen wir das Vorhandensein einer Begabung ableiten.

Die Begabungen reifen unter den Lebens- und Lernumständen, gewissermaßen im eingeschränkten (Königs-) Hof des Kindergartens, der Schule. Hauptsächlichen Einfluss haben die Mitschüler, die Eltern, die Lehrer – in dieser Reihenfolge.

Mit dem 15. Lebensjahr wird die Begabung gesellschaftlich wirksam, welche und ob mit positiver oder negativer Wirkung auf die Begabten selbst und auf die Gesellschaft, zeigt sich erst dann.

Die drei Seiten der Begabung, des Andersseins spiegeln historische und logische Epochen der Persönlichkeitsentwicklung von der Objektivität zur Subjektivität, von der Natur zur Freiheit.

Wenn wir von der Existenz von Ungleichheit ausgehen müssen ist also ungleiche Behandlung notwendig, um Gleichheit herzustellen. Recht und Unrecht zeigen hier was sie wirklich sind, zwei Seiten des Verhältnisses von Menschen zueinander – Gegensätze, die Äusserungen der Bewegung des Menschen sind vom Naturwesen über das gesellschaftliche Wesen (Ensemble gesellschaftlicher Verhältnisse, wie Marx sagte) zum freien Wesen.

IQ-Tests

Erklärungen post festum sind jedoch auch die Ergebnisse von IQ- Tests, wie auch immer diese gestaltet sind. Der Test ist eine Vorannahme einer Lebenswirklichkeit, eine experimentelle Gestaltung von Anforderungen, unter denen sich bestimmte Begabungen bewähren müssen. Aus den Ergebnissen dieser Test wird zweierlei geschlossen:

  1. dass die getestete Person sich von anderen getesteten Personen zum Zeitpunkt des Tests in bestimmten Leistungen über ein bestimmtes Maß hinaus unterscheidet und
  2. dass zu hoffen ist, dass die getestete Person zu ähnlichen Anforderungen der Umwelt ähnliche Reaktionen zeigt, dass die eine Begabung vermuten lassende Handlung wiederholbar ist.

Wie zweifelhaft diese – ökonomisch sehr erfolgreichen – Tests sind, zeigt sich allerdings schon bei oberflächlicher Betrachtung der Anzahl von Studienabbrechern, Gescheiterten, Minderqualifizierten unter den sog. Erfolgreichen der Gesellschaft.

Ein paar Namen: Steve Jobs (Apple), Shawn Fanning (Napster), Günther Jauch, Erich Sixt (Sixt), Alice Schwarzer, Bill Gates (Microsoft), Mick Jagger, Martin Luther, Friedrich Engels, Reinhold Messner – was verbindet diese Leute? Es sind alles Studienabbrecher, Verweigerer, Leute, die heute in der Benachteiligtenförderung landen würden …

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Die Grundfrage der Philosophie

Dienstag, 5. Februar 2008 | Autor: Bernd

Ich habe in meinem Studium gelehrt bekommen, dass es eine “Grundfrage der Philosophie” gäbe, und dass diese Grundfrage die nach dem Verhältnis von Sein und Bewusstsein sei.

Die Frage wurde von zwei feindlichen philosophischen Richtungen unterschiedlich beantwortet, so hiess es: Der (richtige) Materialismus sei der Meinung, dass das Sein prior vor dem Bewusssein sei, das Bewusstsein also mehr oder weniger Widerspiegelung des Seins. Der (falsche) Idealismus war der Meinung, dass das Bewusstsein das Sein bestimme, das Sein also mehr oder weniger die Widerspiegelung des Bewusstseins sei.

Dabei gab es noch den Unterschied zwischen dem objektiven Idealismus (bei dem die Ideen ausserhalb des menschlichen Gehirns existierten) und dem subjektiven Idealismus (bei dem die Ideen innerhalb des menschlichen Gehirns existierten). Objektiver Idealismus, so wurde uns gelehrt, war nur verkappte Religion, und subjektiver Idealismus vollkommener Blödsinn, wie man durch Anfassen der Welt (Praxis, praktisches Handeln) leicht erkennen konnte.

So weit so einfach, aber seltsam. Was nicht so richtig passte, war, dass Klassiker Lenin in seinen Exzerpten zu Hegels Logik an einer Stelle ausrief :”Hier ist Hegel ganz nahe am historischen Materialismus!” und dass Marx bei aller Liebe zu Feuerbach dessen idealistische Liebesduselei verurteilte. Und beide schienen von Kant eine ganze Menge zu halten. Was auch seltsam erschien, war der alljährliche Ausruf (zum 1. Mai): “In der DDR sind die Ideale von Marx, Engels und Lenin Wirklichkeit geworden!” Ideale? Waren unsere Klassiker etwa doch keine Wissenschaftler, sondern Idealisten?

Was weiter nicht passte, war, dass unser theoretischer Klassiker Marx Hegel gerade in einem Punkt besonders verehrte, nämlich darin, dass dieser die verschiedenen Meinungen der Philosophen in der Geschichte nicht als unvereinbare Gegensätze, sondern als Momente in einem Progress der Entwicklung des menschlichen Denkens hin zur Selbsterkenntnis der absoluten Idee verstand (nur dieses Ende fand Marx nicht mehr so gut).

Das verführte mich dazu, in meiner Lehrprobe in der Fachschule für Bibliothekare in Leipzig diese Aussagen als provokativen Ausgangspunkt für eine differenzierte Betrachtung eben dieser Grundfrage der Philosophie zu nutzen. Ich habe Hegel als Materialisten und Feuerbach als Idealisten vorgeführt und aus dem Widerspruch zum Buch eine lustige Diskussion entwickelt. Zu Recht bekam ich für diese Lehrprobe von meiner Dozentin eine 4. Das hat mich damals sehr geärgert, zumal meine Studentinnen mir ein “ausgezeichnet” gaben.

Nun ist sicher aus der historischen Entfernung von mittlerweile 27 Jahren und einer politischen Wende die Gefahr der Beschönigung des eigenen Handelns post festum gross. Deshalb bekenne ich hier deutlich, dass ich zu dieser Zeit am Sinn des Sozialismus nicht gezweifelt hatte, auch wenn mir die damals gerade gegenwärtige Erscheinungsform dieses Sozialismus nicht vollständig gefiel (so wie mir die gegenwärtige Erscheinungsform des Kapitalismus, wie ich ihn zur Zeit erlebe, auch nicht vollständig gefällt – wir sind eben immer unzufrieden – besonders wenn das Geld knapp wird). Zwar gefiel mir der Satz, den sich auch Karl Marx von Descartes als Wahlspruch geholt hatte: “An allem ist zu zweifeln!” Mein Zweifel aber war auf die Weiterentwicklung der Gesellschaft durch die Phasen des Sozialismus oder Kapitalismus oder wie auch immer sie genannt werden, gerichtet.
Dabei (und meine Studenten von der Ingenieurhochschule seien meine Zeugen) bot mir die Vorstellung einer schräg gelegten Entwicklungsspirale durchaus die Möglichkeit, zu denken, dass ein scheinbarer Rückschritt (roter Pfeil) trotzdem oder gerade deswegen Bestandteil eines Fortschritts (schwarzer Pfeil) sein könne.

Entwicklungsspirale

Mein Verständnis der Grundfrage der Philosophie entwickelte sich für mich immer stärker dahin, die Entwicklung des menschlichen Denkens, bzw. der Fähigkeit, die Welt denkbar zu machen, zu verstehen. Mit dem Gegensatz von Materialismus und Idealismus hatte das nichts mehr zu tun.

Je mehr ich nun die Geschichte der Philosophie studierte (und das Verstehen der Autorinnen und Autoren dieser Geschichte ist für mich immer noch anstrengend), desto mehr löste sich dieser Gegensatz auf in ein lebendiges Spiel der Ideen und Vorstellungen des Wissens von der Welt.

Für mich war der dialektische Materialismus immer eine Vereinigung des Idealismus (Dialektik) und des Materialismus gewesen. Bis heute fällt es mir schwer, in diesem Begriff (Diamat) jenen ideologischen Terminus zu erkennen, als der er als Gegenbegriff zur Metaphysik (die als undialektischer Idealismus definiert wurde) unzweifelhaft benutzt wurde.

Jetzt weiss ich, dass ein grosser Teil des Nichtverstehens von Philosophie dieser Ideologisierung (die von allen Seiten immer noch betrieben wird) anzulasten ist. Wie beneide ich die Genies, die fähig waren, schon sehr früh diese ideologischen Schranken zu überspringen und wie leide ich mit den Denkern, wie Hölderlin, die an diesen ideologischen Schranken zu Grunde gegangen sind.

Über diesen herrlichen Idealisten jedoch in einem der nächsten Blogbeiträge.

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