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Gut und Böse

Montag, 28. Januar 2008 | Autor: Bernd

“Wat dem een sin Uhl is dem annern sin Nachtigall” – darauf scheinen sich auch die gelehrtesten Moralphilosophien letztlich zu reduzieren. Die wirkliche Frage, die zu beantworten ist, ist: Wer ist der Eine (diese Entdeckung Descartes) und wer der Andere (diese Entdeckung Sartre’s)? Die Erkenntnis, was Gut und was Böse ist hängt offenbar mit dem erkennenden (sprechenden) Subjekt zusammen oder mit dem Subjekt, FÜR das ich spreche (z. B. “die Menschheit”, die (jeweils wahren) Gläubigen, die “demokratische Welt”, “die Natur”, “die Bürger”). So wie bei der Diskussion über die Demokratie zwar viel über den “-kratie” – den Herrschaftsteil gesprochen wird und selten über die Definition des “Demos” – des Volkes, wird in der Moral viel über das An-Sich-Sein von Gut und Böse gesprochen, aber oft nur zwischen den Zeilen über das WER und das WEN.

Gibt es ein An-Sich Böses? Gibt es ein An-Sich Gutes? Wie bei der ungenauesten Persönlichkeitsstrukturanalyse, den Sternkreiszeichen, so hat auch bei der Bestimmung des Guten und des Bösen die Öffentlichkeit ein besonderes Interesse. Dieses Interesse geht sofort verloren, wenn das Subjekt konkretisiert wird. Jede/r wird gerne was für die Menschheit tun, aber für Bestimmte Menschen? Da muss ich doch einmal genauer hinsehen. Es ist eben die Ungenauigkeit, die das Interesse zu zeugen scheint.
Neuerdings werden durch primitive und damit automatisch populäre Staatschefs Gutes und Böses in den Rang politischer Kategorien erhoben. Auch hier zeigt sich ganz schnell die Einfacheit dieser Formel Gut=Ich und meine Freunde, Böse= die Anderen. Das ist einfach, das kann jeder verstehen, jetzt muss sich nur noch um die Freundschaft des großen Mannes bemüht werden.

Ein Aussprecher dieser Gedanken ist der hochgeachtete Carl Schmitt, dessen Freund-Feind-Denken auch den Nationalsozialisten geholfen hat und vielleicht unausgesprochen, nichtöffentlich, auch die Gedanken der BRD-Politiker wie der DDR-Führung bestimmt hatte.

Beispiel Suharto: Wie würde die bürgerliche Presse über den Mann reden, wenn er sich als Kommunisten bezeichnet hätte? Wäre dann seine “harte Hand” als das z.B. der “Spiegel” die Massenmorde an einer Million Kommunisten und Studenten, Chinesen und einem Drittel der Bevölkerung Osttimors bezeichnet und seine Diebstähle von Milliarden (Korruption) noch nur Schönheitsfehler? Wohlgemerkt, ich habe nicht gesagt: “Was, wenn dieser Mann ein Kommunist gewesen wäre”.

Um in der Gesellschaft “unten durch” zu sein reicht die Bezeichnung, vor allem die Selbstbezeichnung, eine Wirklichkeit ist in der Regel nicht vonnöten.

Es scheint auch, dass ein Mörder um so angesehener ist, je mehr Menschen ermordet wurden (die Schwelle scheint bei 20 Menschen zu liegen), wenn er dann noch etwas zu sein vorgibt, das als pro-irgendwas bezeichnet wird, dann gehört er für jene Irgendwelchen zu den “Guten”.

Also, was bezeichnen die Worte Gut und Böse?
Es sind Kategorien, die das Verhalten Anderer von einem bestimmten Standpunkt aus bezeichnen. Die Aussage:”Du bist gut!” ist eine Verallgemeinerung der Sätze: “Du nutzt mir” , “du bist angenehm (dein Verhalten führt zu angenehmen Empfindungen)”. Gut und Böse dienen zur Bewertung von Handeln und von handelnden Personen. Diese Bewertung ist immer auch eine Standpunktnahme.

Ich meine deshalb auch, dass diese Worte keine wissenschaftlichen oder gar philosophischen Kategorien sind, sondern politische Stellungsbeschreibungen. “Gut” und “Böse” sind sinn-lose Worte, weil sie ihren Sinn nur durch die Aussprechenden erhalten, es sind Worte, deren Sinn sich erst im Sprechen ergibt, es sind bestenfalls phänomenologisch auswertbare Worte.

Daraus ergibt sich die Frage nach der Möglichkeit praktischer Philosophie, die zur Zeit meist als Moralphilosophie verkürzt wird. Kann Philosophie gutes, richtiges praktisches Handeln begründen?

Diesen Anspruch hatte auch Karl Marx als junger Mensch als er in seinen berühmten “Thesen zu Feuerbach” schrieb:

“Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert; es kommt aber darauf an, sie zu verändern.”

Darüber haben wir zu DDR-Zeiten gewitzelt:

“Die Philosophen haben die Welt lange genug verändert, es kommt darauf an, sie wieder einmal zu interpretieren!”

Der Vorwurf an die Philosophen, wie er vor allem durch die jeweils Anderen erhoben wird ist, dass sie durch ihre Arbeit die Welt wie sie ist rechtfertigen wenn sie sie erklären. Das halte ich aber für den wesentlichen Denkfehler. Erklären heisst nicht rechtfertigen. Die Welt denkbar machen, heisst nicht jeden Gedanken auch ausführen. Der Weg vom Gedanken zur Tat führt immer noch über die freie Entscheidung von Menschen. Wenn die Philosophie, wie in Hegels Gleichnis von der Eule Minervas, erst in der Abenddämmerung ausfliegt um das Geschehene in Begriffe zu fassen, wenn sie einen kontemplativen Platz in der Welt einnimmt, der bewußt beobachtend und nicht tätig, nicht eingreifend ist, so hat sie den Platz, der nach dem Wort “Herr vergib ihnen, denn sie wissen nicht was sie tun” dazu führt, zu sagen: “Herr vergib ihnen nicht , denn sie wussten genau was sie tun!”. Das Tao, das nicht-handelnde Handeln ist das Gebiet der Philosophen.

Philosophie als Liebe zur Weisheit kann logisch erst nach der Weisheit, ta meta ta physika, also nach den Geschehnissen, wenn die Geschehnisse Tatsachen und die Tatsachen Wissen, Weisheit geworden sind, eintreten. Denn, wie kann ich etwas lieben, wovon ich nichts weiss?

Philosophie ist Liebe, ist Nicht-Tun, ist Nach-Denken, ist Reflektion. Als solche ist sie natürlich von Einfluss auf das Handeln von Menschen, sofern Menschen Philosophie zu sich nehmen.

Als Reflektion ist Philosophie darauf bedacht, die Beschaffenheit des Spiegels in der Erkenntnistheorie selbst zu untersuchen und zu berücksichtigen und genau das unterscheidet sie von allen anderen Formen des Denkens.

Da wo viel Wissen ist über andere Denker, ist Gelehrsamkeit und hat viel Achtung im akademischen Umfeld.

Grenzen der Philosophie

Das sind die Grenzlinien der Philosophie – auf der einen Seite die Gelehrsamkeit oder das akademische Wissen, auf der anderen Seite die Spekulation oder die Dichtkunst, auf einer weiteren Seite die Tat oder die Politik.

Das ist m. E. ein Unterschied zu den Dichtern. Dichter/-innen produzieren noch wie Natur, nicht reflexiv, sondern bewusst tätig, damit als Kultur. Da wo der Philosoph spekulativ wird, das “was wäre wenn” ausprobiert -da ist er Dichter, nicht mehr Philosoph.

In Homo Sacer III erinnert Giorgio Agamben an Hölderlins Vers: „Was aber bleibet, stiften die Dichter“.

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Häßliches

Montag, 14. Januar 2008 | Autor: Bernd

Friedrich Schlegel beobachtet 1797 (“Über das Studium der griechischen Poesie”, 1797):

“Das Schöne . . . ist so wenig das herrschende Prinzip der modernen Poesie, daß viele ihrer trefflichsten Werke ganz offenbar Darstellungen des Häßlichen sind.”

1853 veröffentlicht Karl Rosenkranz die “Ästhetik des Häßlichen”. Er wurde dazu getrieben, weil der Missbrauch der Vorstellungen Schillers, Hölderlins oder Schellings über die Rolle des Schönheitserlebens überhand genommen hat:

„Unsere deutsche Literaturgeschichte ist durch das Zurechtmachen derselben für Mädchenpensionate und höhere Töchterschulen schon ganz kastriert worden, um nur immer das Edle, Reine, Schöne, Erhebende, Erquickende, Gemütliche, Liebliche, Veredelnde und wie die Stichworte weiter lauten, für die zarten Jungfrauen- und Frauenseelen herauszustellen. Es ist dadurch eine unglaubliche Falschmünzerei der Geschichte der Literatur in Gang gekommen.” (Rosenkranz, Karl: Ästhetik des Häßlichen. Vorwort.)

Rosenkranz stellt das Häßliche als die andere Seite des Schönen dar, als dessen Negation. So existiert das Häßliche nur durch das Schöne. Damit nutzt er das Häßliche wie das Schöne als Unterkategorien des Ästhetischen welches selbst nicht mehr als Synonym für das Schöne genommen werden kann. Diese Idee ist meines Erachtens nicht im Widerspruch zu Kant’s Intentionen, sondern bereichert diese Intentionen um eine realistischere Seite. Abgewandelt könnte also festgestellt werden:

“Die Erfahrung des Häßlichen zeigt uns wo wir nicht in die Welt passen” und “Die Erfahrung des Ästhetischen zeigt uns unser Passen zur Welt”.

Damit ist das Urteil, welches Werk als häßlich (Schlegel ordnete dieser Klasse auch die Werke Shakespeares zu) und welches als schön erfahren wird immer eine Aussage über die Position des Aussagenden in der Welt. Die Entwicklung unseres Denkens über das Ästhetische wird durch die Extremwerte angetrieben, wie die schöne Darstellung des Häßlichen (wie in Goya’s Darstellung der Familie Charles IV):

oder die häßliche Darstellung des Schönen (wie bei Picasso):

Heraus kommt eine neue Konzeption der Ästhetik, bei der der Ästhetik eine über der Bewertung stehende Funktion im Empfinden der Menschen zukommt. Ob Tiere ästhetisches Empfinden haben, ist noch ungeklärt.Häßliches und Schönes als dialektische Gegensätze sind etwas anderes als die Definition des Häßlichen als (graduelle) Abwesenheit des Schönen. Wenn wir aber über dialektische Gegensätze reden, müssen wir auch über die Bewegung, deren Antrieb aus diese resultiert nachdenken.

Diese Bewegung ist das ästhetische Empfinden oder auch die ästhetische Empfindungsfähigkeit in der tatsächlich, wie in der Transzendentalphilosophie dargestellt, Objekt und Subjekt als Ungetrenntes in einer gleichsam mystischen Weise erfahren werden können.

Irrwege sind m.E. alle Versuche,

  • die Produktion ästhetischer Wahrnehmungsmöglichkeiten auf das Schöne einzuschränken – dies führt letztlich zum Elfenreigen über dem Bett,
  • diese Produktion dem Dienst einer politischen Bewegung zu unterstellen (dass ästhetische Wahrnehmung unmittelbar die Wahl einer politischen Bewegung unterstützen kann sieht man an den Masseninszenierungen Hitlers und Speers, die in den Turn- und Sportfesten der nordkoreanischen Machthaber ihre peinliche Fortsetzung finden vgl. auch meinen Artikel zu Politik und Philosophie) das führt zum peinlichen Grossdenkmal (bei dem ich sowohl die Fürstenstandbilder* als auch die Stalinstandbilder meine),
  • aber auch, das Ästhetische als Wertung (“Das sieht halt jeder anders”) ganz in der unverbindlichen Subjektivität der Meinung verschwinden zu lassen, das würde den Tatsachen kollektiver ästhetischer Urteile über Jahrtausende hinweg nicht gerecht.
  • Die Erfindung des “Künstlers”, die Politisierung der Kunst (Kunst als Werkzeug), die Ökonomisierung der Kunst im Design (Künstler als Wegbereiter des Designs) und die (pseudo-) wissenschaftliche, akademische Unbegreifbarmachung der Kunst sind verschiedene Werkzeuge, die nur ein Ziel haben – die Trennung von Subjekt und Objekt wieder herzustellen.


* Ist euch schon mal aufgefallen, dass die einzigen Gelehrten, die sich auf dem Standbild von Friedrich II Unter den Linden befinden, unter dem Schwanz des Pferdes plaziert wurden?

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Schönes

Montag, 14. Januar 2008 | Autor: Bernd

“Die Erfahrung des Schönen zeigt, dass wir in die Welt passen.” (Immanuel Kant) 

Dieser Satz beschreibt einen Fakt oder einen Sachverhalt. Die Tatsache, dass das Subjekt “wir” eine regelmässige (nicht zufällige oder singuläre) Erfahrung erlebt IST einfach da, sie geschieht, wenn sich Subjekte aktiv Objekten aussetzen und es gibt eine vergleichbare Erfahrung beim Naturschönen, also einem Verhalten zur Welt die sich als ästhetisches Objekt offenbart. Das Subjekt erlebt diese Erfahrung (passiv) oder macht diese Erfahrung (aktiv) also sowohl bei Objekten die da sind, das Da-Sein ausmachen, also durch die Wahrnehmung gegeben sind (Naturschönes) als auch bei Objekten, die Resultate des Einwirkens von Subjekten auf diese Objekte sind (Kunstschönes). Diese Erfahrung der Identität, der Ähnlichkeit, gar der Vereinigung ist mystisch, aber nicht transzendental, weil unmittelbar in der Wahrnehmung gegeben. Es ist also ein “Passen” in die Welt, das wir erfahren, ein “nicht-mehr-allein-sein”, dagegen ein “All-Ein-Sein” und diese Erfahrung ist was wir (nach Kant) einen oder gar den ästhetischen Genuss nennen. Genau dieses Gefühl der Identität mit der Welt im ästhetischen Erleben des Schönen wird durch Hölderlin und Schelling als der Punkt in der Welt erfaßt, von dem aus sich diese Welt erst begreifen und dann aus den Angeln heben lässt.

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Anleitung für die (pseudo-) akademische Diskussion

Montag, 14. Januar 2008 | Autor: Bernd

Als ich noch in der Gelegenheit war, an sogenannten “akademischen” Diskussionen teilzunehmen, also Diskussionen von Wissenschaftlern oder vielmehr solchen, die sich dafür halten, fiel mir oft auf, dass bei einigen dieser Diskussionen bestimmte Regeln zu gelten schienen. Für mich, der ich eine dialektische Diskussionsweise bevorzuge, die vor allem darin besteht, in einer Diskussion einen bestimmten oder irgendeinen der logischen möglichen Standpunkte so lange zu verteidigen und “durchzuhalten”, bis ich von dessen Unrichtigkeit, Ungenauigkeit oder gar Falschheit (letzteres geschieht aber in der dialektischen wissenschaftlichen Diskussion eher selten) überzeugt bin und dann sofort oder in ganz kurzer Zeit diesen Standpunkt zu revidieren (was mir mitunter vorgeworfen wurde) war diese Erfahrung eher verletzend und hat mir ein tiefes Misstrauen in die akademische Diskussion eingeflößt.Solche Regeln waren:

  1. Rede niemals als Erster
  2. Sobald jemand doch einen Standpunkt geäussert hat, kritisiere diesen Standpunkt mittels einem dieser drei Vorwürfe:
    1. “Du vereinfachst zu stark” oder “diese Vorstellung (Definition) ist zu eng gefasst”
    2. “Du verkomplizierst zu stark” oder “diese Vorstellung (Definition) ist zu weit gefasst”
    3. Du zerredest alles (dies ist natürlich eine Killerphrase)
  3. Frage nie nach (Habe ich Sie richtig verstanden?), sondern greife an: “Sie haben behauptet … (gesagt …)”
  4. Richte deinen Angriff auf Nebenbemerkungen oder noch besser stütze ihn auf eine Unterstellung (Popanztechnik). Nur in den seltensten Fällen (oder wenn eine Audioaufnahme mitläuft) kann der Sprecher oder die Sprecherin sich noch erinnern, was sie oder er gesagt hat. Davor schützt auch ein vorgelesenes Manuskript nicht, weil ja kleine Wörter wie Negationen überhört oder unverständlich ausgesprochen werden können. Falls die Aufnahme überprüft wird, kannst du dich immer noch herausreden oder entschuldigen, der Redner ist auf jeden Fall verwirrt.
  5. Sobald du über andere redest, lass dich nicht unterbrechen, weil eine Unterbrechung bedeuten könnte, dass du selbst angreifbar wirst.
  6. Formuliere daher nie deutlich oder gar verständlich, arbeite alle möglichen logischen Varianten in deinen Vortrag ein und benutze dabei immer wieder die Formulierungen “Und ich sage das ganz deutlich …”, “Wie Sie wissen …”, “bekanntlich”. Diese Formulierungen in die Rede eingestreut müssen sich dabei auf Schriften beziehen, die mit möglichst grosser Wahrscheinlichkeit niemand ihrer Hörer jemals gelesen hat oder zu Gesicht bekommen wird.

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